Für eine Kultur der Aufnahme

Der Beitrag der Kirche zur Integration von Zuwanderern

Von Weihbischof Franz Vorrath

Könnte das auch in Deutschland passieren? So fragten viele nach den Krawallen in den französischen

Foto: Achim Pohl
"Integration beginnt im Kopf" lautet das Jahresthema 2006 des Deutschen Caritasverbandes. Die Caritas setzt sich von jeher "für ein besseres Miteinander von Deutschen und Zuwnaderern ein.
Vorstädten, die sich im letzten November beinahe zu einem Flächenbrand entwickelten. Die brennenden Autos und die Gewalt in Frankreich haben noch einmal deutlich gemacht, was eine Gesellschaft riskiert, die Zuwanderung zulässt, aber die Integration vergisst.

Für Deutschland stellt das Jahr 2004 einen Wendepunkt dar. Mit der Verabschiedung des Zuwanderungsgesetzes ist erstmals die notwendige Verknüpfung von Migration und Integration hergestellt worden. Damit ist ein Perspektivenwechsel gelungen, den nicht zuletzt die Kirchen und die Caritas seit langem angemahnt hatten.

Zuwanderung und Integration müssen aktiv gestaltet werden. Das Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten gelingt nicht von selbst. Beide Seiten müssen mit eigenen Integrationsleistungen dazu beitragen. Mit Blick auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft brauchen wir einen nachholenden Lernprozess, der Ja sagt zur Realität eines Einwanderungslandes. Nur was innerlich angenommen und akzeptiert ist, kann auch angstfrei und menschengerecht gestaltet werden. Den Zuwanderern müssen wir ebenfalls erhebliche Anstrengungen abverlangen. Dort, wo ein Rückzug in geschlossene Milieus der Zuwanderergruppen droht oder bereits vollzogen wurde, muss mit aktiver Unterstützung der Migrantenselbstorganisationen und der Migrantengemeinden ebenfalls eine nachholende Integration erreicht werden.

Theologie der Integration in vier Schritten
Für die Kirche und die Caritas ist beim Thema Migration und Integration eine "Kultur der Aufnahme" das Leitmotiv. Mit dieser Formulierung hat Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben "Ecclesia in Europa" einen bewussten Gegenakzent zu einer Politik der Abschottung gesetzt. Oft wird auch in katholischen Gemeinden gefragt: Geht eine so klare Positionierung in einer politischen Frage nicht weit über das hinaus, was der eigentliche Auftrag der Kirche ist? Ein Blick in die Bibel und in kirchliche Dokumente seit dem Konzil lässt jedoch keinen Zweifel: Das Integrationsengagement der Kirche erwächst aus ihrem ureigenen Auftrag und Selbstverständnis. Diese Grundlage lässt sich in vier Schritten zusammenfassen.

Am Anfang steht die prägende Erfahrung, die Israel selbst in der Fremde gemacht hat. Jahwe zeigt sich dem unterdrückten Volk als ein Gott, der auf der Seite der Schwachen, der Migranten, steht und Israel aus der Knechtschaft Ägyptens befreit. Darum rücken Fremde in die Mitte der Schutzbestimmungen Gottes. "Einen Fremden", so heißt es im Buch Exodus, "sollst du nicht ausbeuten. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr seid selbst in Ägypten Fremde gewesen" (Ex 23,9).

Migranten als Sakrament der Präsenz Christi
Den zweiten Schritt geht Jesus. In Wort und Tat verkündet er die Liebe zum Nächsten als grenzüberwindendes Gebot. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-27) wird deutlich, dass nicht nur derjenige, der einem selbst nahe steht, geliebt werden und zu seinem Recht kommen soll. Christen sind vielmehr aufgerufen, jedem, der unter die Räuber gefallen ist, zum Nächsten zu werden. Das umfassende Liebesgebot gilt also auch einem bisher fern stehenden Menschen. Das Gleichnis vom Weltgericht formuliert dies eindeutig und unmissverständlich. "Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen" (Mt 25,35). Damit wird der Fremde zum Gast, in dem Jesus selbst gegenwärtig ist. Johannes Paul II. spricht in der Botschaft zum Welttag der Migranten 1996 vom schwachen, wehrlosen und an den Rand gedrängten Menschen als "Sakrament der Präsenz Christi".

Nicht nur Barmherzigkeit, sondern Gerechtigkeit

Den Zuwanderern müssen ebenfalls erhebliche Anstrengungen abverlangt werden.

Diese theologischen Überlegungen bleiben aktuell insbesondere mit Blick auf oft übersehene Migranten: Flüchtlinge, Asylsuchende oder Menschen in der Illegalität. Gerade die Angehörigen der letzten Gruppe, die in Deutschland eine Größenordnung von 500 000 bis eine Million erreicht hat, befinden sich oft in akuter Not: ohne rechtlichen Schutz, ohne medizinische Versorgung, die Kinder ohne Zugang zu Bildung. Hier sind vielfach Barmherzigkeit und direkte, individuelle Hilfe gefordert. Es geht jedoch nicht allein um Barmherzigkeit, es geht auch um Gerechtigkeit. Migranten dürfen nicht durch kirchliches Engagement, das sich allein an den Schutzrechten und Beistandspflichten für Fremde orientiert, auf die Rolle als Fremde festgeschrieben werden. Ziel der Integration ist die Überwindung der Mauern zwischen Einheimischen und Fremden, zwischen Deutschen und Zuwanderern.

Im dritten Schritt ist daher auf die unantastbare Würde jedes Menschen hinzuweisen. Sie ist nach christlicher Auffassung in der Schöpfung, genauer gesagt in der Gottebenbildlichkeit des Menschen, begründet. Bestätigt wird diese Würde in einzigartiger Weise durch die Zuwendung Gottes in der Menschwerdung Jesu und in der Erlösung durch seinen Tod und seine Auferstehung. Diese Zuwendung Gottes gilt allen Menschen in gleicher Weise.

Gleiche Würde verlangt gleiche Lebenschancen
Die Überzeugung, dass jedem Menschen die gleiche in Gott verbürgte Würde zukommt, trägt das christliche Verständnis von Integration. Gleiche Würde verlangt gleiche Rechte und gleiche Pflichten. Dies widerspricht allen Konzepten, die einseitig von Vorrechten der Einheimischen ausgehen und von Zugewanderten eine umfassende Anpassung und die Aufgabe ihrer Herkunftskultur fordern. Die Mehrheitsgesellschaft muss die Werte, die kulturellen und religiösen Prägungen der Zuwanderer respektieren - es sei denn, sie widersprechen den Grundwerten unserer Verfassung. Im Verhältnis von Mann und Frau zum Beispiel oder der Anerkennung des wertgebundenen, aber säkularen Staates können überkommene kulturelle und religiöse Traditionen der Zuwanderer, die der Verfassung widersprechen, in Deutschland keine Toleranz beanspruchen. Gleichzeitig muss die Verantwortung der Migranten klar benannt werden. Wer dies unterlässt oder allein auf die Versäumnisse des Staates und der Gesellschaft hinweist, nimmt die Würde der Migranten ebenfalls nicht wirklich ernst. Das Prinzip der Integration ist in einem einfachen Satz formuliert: Gleiche Würde verlangt gleiche Lebenschancen. Die Integration muss also auf eine umfassende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausgerichtet sein. Die sozialen Indikatoren im Bereich Arbeit und Einkommen, Wohnen und Bildung sprechen hier eine deutliche Sprache. Es bleibt noch viel zu tun, bis eine gleichberechtigte wirtschaftliche und soziale, kulturelle, rechtliche und politische Teilhabe der Zuwanderer erreicht ist.

Vision von der Einheit aller Menschen, Völker und Kulturen
Integration braucht schließlich im vierten Schritt eine theologische Orientierung, die über den Abbau von Benachteiligung hinausgeht. Warum eigentlich sollen Fremde keine Fremden bleiben? Was spricht dagegen, dass jede ethnische und religiöse Gruppe für sich allein glücklich wird? Warum reicht uns ein halbwegs friedliches Nebeneinander nicht aus? Warum sollen wir so viel Kraft in ein gelingendes Miteinander investieren? Für Christen geht es dabei um die Einheit der Heilsgeschichte. Gott ist der Schöpfer und Vollender der ganzen Welt, aller Völker und Kulturen. Sein Heilswille umfasst die ganze Menschheit. Jeder Einzelne hat seinen Ursprung und sein Ziel in Gott. Wir finden diesen Gedanken der Universalität der Geschichte bereits im Motiv der Völkerwallfahrt zum Berg Zion bei Jesaja (2, 2-4; vgl. Mi 4,1-3). Er ist grundlegend für das kirchliche Verständnis von Kulturen und Religionen. Und er hat konkrete Folgen: Wenn sich die Kirche als "Zeichen und Werkzeug" dieses universalen Heils versteht, als Zeichen und Werkzeug der in Gott begründeten Einheit der Menschheitsfamilie, dann muss dies zunächst innerhalb der Kirche, aber auch im kirchlichen Handeln nach außen sichtbar werden.

Integrationsengagement der Kirche
Dabei können die Kirche und ihre Caritas auf eine lange und breite Tradition zurückblicken. Sie haben erhebliche Integrationsleistungen erbracht. Dies gilt für die Gemeinden vor Ort mit ihren Kindertagesstätten und dem Engagement für Asylsuchende und Flüchtlinge. Es gilt für die muttersprachlichen Gemeinden und die Sozialberatung der Caritas. Es gilt auch für die Einrichtungen im Bereich der Gesundheitshilfe, der Familienhilfe und der Jugendhilfe. Es gilt nicht zuletzt für die kirchliche Bildungsarbeit.

Der Integrationsprozess ist jedoch ein dynamisches Geschehen, ein fortschreitender Lernprozess, bei dem sich niemand auf der Tribüne ausruhen kann. Wir sind auf einem guten Weg, aber noch nicht am Ende des Weges. In Strukturen der Pfarrgemeinden und der kirchlichen Verbände sind katholische Zuwanderer bisher noch nicht ausreichend vertreten. Die Kontakte zwischen den Ortsgemeinden und den muttersprachlichen Gemeinden sind vielfach nicht von solcher Qualität, dass Kirche als Volk aus Völkern wirklich erlebbar würde. In der kirchlichen Jugendarbeit kann die multiethnische Realität von Kirche und Gesellschaft noch stärker wahrgenommen und Bestandteil der Arbeit werden. Unbefriedigend ist auch die Tatsache, dass der Anteil der bei der Kirche und ihrer Caritas angestellten Mitarbeitenden mit Migrationshintergrund nicht ihrem Anteil an der katholischen Bevölkerung entspricht.

Dialog mit dem Islam

 

Eine spezielle Kompetenz bringen Kirche und Caritas mit, wenn es um die Rolle der Religion bei der Integration geht. Angesichts der großen Zahl türkischstämmiger Migranten steht dabei vor allem der Islam im Vordergrund. Weil der säkulare Staat selbst kein Akteur im interreligiösen Dialog sein kann, kommt es besonders in diesem Bereich darauf an, die Arbeit der Kirchen und der muslimischen Gemeinden und Verbände zu unterstützen. Innerkirchlich müssen die guten Ansätze des christlich-islamischen Dialogs weitergeführt und intensiviert werden. Es müssen dauerhafte und verlässliche Dialogstrukturen besonders auf kommunaler Ebene und in Stadtteilen mit hohen Zuwandereranteilen aufgebaut werden.

Der interreligiöse Dialog darf dabei nicht auf Gemeinden und Initiativen beschränkt bleiben. Er gehört auch zum Profi l katholischer Einrichtungen in einer Einwanderergesellschaft und muss implementiert werden in Krankenhäuser, Pflegedienste, Beratungsstellen, Behindertenheime etc. Dabei ist auch die Sprachfähigkeit mit Blick auf den eigenen Glauben wieder neu zu lernen. Von diesem notwendigen Dialog mit dem Islam dürfen uns internationaler Terrorismus und islamistische Tendenzen auch in Deutschland nicht abhalten. Die überwiegende Mehrheit der Muslime in Deutschland lehnt die Instrumentalisierung des islamischen Glaubens für politisch-ideologische und terroristische Ziele entschieden ab. Das Zusammenleben von Christen und Muslimen in Deutschland bietet eine große Chance, ein Gegenmodell zum behaupteten Kampf der Kulturen zu entwickeln und die These von der Inkompatibilität des Islam mit dem Westen zu widerlegen.

Das konkrete Vorbild wirkt inspirierend und herausfordernd
Inspirierend und herausfordernd sind wir als Kirche für die Gesellschaft nur dann, wenn wir uns selbst ganz konkret einsetzen für ein gelingendes Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten. Wenn sich unsere Gemeinden mit ihren Einrichtungen, kirchliche Verbände ebenso wie Dienste und Einrichtungen der Caritas stark machen für eine Kultur der Aufnahme, für eine Integration in Würde, dann engagieren wir uns in einer der zentralen Herausforderungen unserer Zeit und geben gleichzeitig ein Glaubenszeugnis. Das Jahresthema der Caritas 2006 "Integration beginnt im Kopf. Für ein besseres Miteinander von Deutschen und Zuwanderern" ist dazu eine weitere gute Gelegenheit.

 

Weihbischof Franz Vorrath ist Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbandes im Bistum Essen und Vorsitzender der Katholischen Arbeitsgemeinschaft Migration.

Aus Caritas in  NRW, Ausgabe 1/06