Farbtupfer im Wohnumfeld
Ein Besuch im Seniorenclub
Von Markus Lahrmann
Dienstagmorgen. Die malerische Altstadt von Krefeld-Linn liegt still in der Sonne. Touristen tauchen hier so früh nicht auf, allenfalls Anwohner oder ein paar Handwerker fahren durch stille Straßen. Im Schatten der Linner Burg liegt der Seniorenclub "Em Cavenn". Der allerdings ist gut besucht.
Die Haarfarbe Grau in allen Abstufungen bis hin zu leuchtendem Weiß dominiert. Brillenmodelle sind meist goldfarben, verziert und verschnörkelt. Faltige Finger greifen nach Brötchen und Kaffeetassen. An zwei langen Tischreihen sitzen 35 Menschen und frühstücken. Sie sind zwischen 60 und über 90 Jahren alt.
Foto: Zelck

Die Senioren unterhalten sich, scherzen, erfahren Neuigkeiten über andere, verabreden sich. "Ich fühle mich hier wie in einer Familie", sagt Margarete Träger. Sie ist mit 60 die Jüngste in der Runde. "Mein Mann hatte drei Herzinfarkte", erklärt sie. "Wenn ich das hier nicht gehabt hätte, hätte ich das nicht geschafft."
"Em Cavenn" ist Mundart-Ausdruck für "im Wasserloch". Gemeint ist damit der Wassergraben der Burg Linn, also der Ort des Seniorenclubs. "Lebensraum-orientierte Sozialarbeit" nennt sich der Ansatz, den die Träger der Begegnungsstätte (katholische und evangelische Kirchengemeinden, Linner Bürgerverein und Caritasverband Krefeld) verfolgen. Sozialarbeit im Wohnumfeld der Menschen und eng angebunden an deren Alltag.
"Als ich Langeweile hatte, bin ich hierhin gekommen", sagt Anna Jansen. Damit umschreibt sie Erfahrungen, die heute viele Alte machen: das Berufsleben abgeschlossen, die Kinder in der Ferne, selbst aber noch rüstig und gesellig. Dann braucht es Orte der Begegnung, dann braucht es auch kleine oder größere Aufgaben, Herausforderungen, deren Bewältigung Farbtupfer in den grauen Alltag setzt.
Anna Jansen wird heute geehrt, aber sie weiß es noch nicht. Gleich wird der Vorsitzende des Kuratoriums kommen, eine kleine Ansprache halten, einen mittleren Blumenstrauß überreichen und vor allem Dank abstatten. Zehn Jahre lang hat Frau Jansen die Kasse geführt, die Frühstücke vorbereitet, den Tisch gedeckt, Kontakt gehalten. Jetzt ist sie 80 Jahre alt und hat ein paar Aufgaben abgegeben.
"Geh auf, mein Herz", singt die Runde gemeinsam aus Textbüchern und applaudiert freundlich als Zeichen der Anerkennung für Frau Jansen. Ohne solch ehren-amtliches Engagement könnte der Seniorenclub nicht bestehen. Rund 2 000 Stunden im Jahr - so ist auf der Homepage nachzulesen - sind die ehrenamtlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Einsatz.
Dabei geht es nicht nur ums Frühstücken und Unterhalten. Montags probt die Tanzband, dienstags bleiben einige nach dem Frühstück noch zum Kartenspielen und nachmittags zum Gymnastik-Kurs. Mittwochs schwingen einige besonders Rüstige beim Tanztee das Tanzbein, donnerstags gibt es einen Kurs in Aquarell- und Seidenmalerei, und freitags wird gebastelt. Besonders stolz sind alle Besucher auf die Computerkurse. "Wir wollen den älteren Damen die Furcht vor dem Computer nehmen", sagt Joachim Jäger (70) augenzwinkernd. Eine Krefelder Firma hatte vier Computer gestiftet, und unter Anleitung einer Ehrenamtlichen einmal in der Woche werden die Grundkenntnisse vermittelt. "Wir haben uns so langsam vorgearbeitet", sagt Herr Jäger. An die 40 Personen sind bereits durch die Kurse gegangen. Inzwischen surfen die Teilnehmer im Internet, zu Weihnachten haben sie einen Foto-Kalender gestaltet.
Nach der Pensionierung 30 Jahre Zeit
"Nächsten Dienstag kommt jemand von der AOK und erklärt Ihnen die Gesundheitsreform", kündigt Helene Sinenko (40) an. Sie ist mit einer halben Stelle fest angestellt und leitet den Seniorenclub. Natürlich weiß sie, dass gerade die Gesundheitsreform unter Senioren Fragen aufwirft und Ängste schürt. Der AOK-Vertreter wird nicht nur Dias und viel Zeit mitbringen, sondern auch persönliche Fragen beantworten.
Helene Sinenko hält Kontakt unter den Ehrenamtlichen, organisiert immer wieder neue Angebote, informiert und betreut. "Wir müssen immer wieder Werbung machen", erklärt sie, "damit auch jüngere Leute kommen." Jüngere sind in diesem Fall Leute ab 60, die manchmal "mit den Alten" nichts zu tun haben wollen. Daran zeigt sich die demografische Entwicklung: Früher gab es als drittes Lebensalter die Zeit nach der Pensionierung, heute kann diese Zeit 20 oder 30 Jahre oder sogar noch mehr betragen und entsprechend in mehrere Abschnitte zerfallen. Und manchmal haben die 60-Jäh-rigen ganz andere Bedürfnisse und Probleme als die Hochbetagten. Informationsbörse Altenclub: Jemand vermisst die "Doris mit dem komplizierten Namen", die "beim Grünkohl-Kochen" geholfen hat. Schnell ist geklärt, dass die Doris zuletzt nicht konnte, aber morgen wieder kommen wird. Nächstes Thema: Die PSD-Bank hat zweckgebunden 3000 Euro gespendet, davon sollen Kaffeegeschirr, eine Musikanlage für den Tanztee und noch ein bisschen Freizeit- und Beschäftigungsmaterial gekauft werden. Die alten Menschen hören es mit Freude.
Denn schließlich kommt auch ein Seniorenclub nicht ohne finanzielle Unterstützung aus. Nach dem Wegfall der Landesmittel für 2004 sieht es so aus, dass die Stadt Krefeld ihre Zuschüsse für die Altenclubs insgesamt neu verteilt. Anderswo werden Angebote wegfallen, beim "Em Cavenn" muss ein Defizit von 5000 Euro zusätzlich durch Spenden, Veranstaltungserlöse und Mitgliedsbeiträge gedeckt werden. Der Bedarf nämlich bleibt: In Linn wohnen viele alte Menschen.
Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 2/2004







