Auf Tour mit Schwester Kirsten
Für die Senioren der Region 43-mal um den Erdball
Von Matthias Hinrichs
Rund 1000 Menschen in Stadt und Kreis Aachen sind auf ihre Hilfe angewiesen. 365 Tage im Jahr. Würde man alle Tachostände ihrer rund 160 weißen Flitzer im Jahr addieren, käme eine Gesamtstrecke von 1,7 Millionen Kilometern heraus. "Theoretisch", meint Caritas-Referent Herbert Schaber, "fahren die 250 Mitarbeiter unserer mobilen Pflegestationen alljährlich etwa 43-maI um den gesamten Erdball." Praktisch bleiben sie stets im Wortsinn am Puls ihrer Klientel: der Alten und Kranken.
Die Küchenuhr in der kleinen Burtscheider Etagenwohnung zeigt Schlag Mittag. Schön wär's. Zumindest in dieser Hinsicht ist für die alte Dame die Zeit stehen geblieben. Die Zeiger an Kirsten Hahnbücks Handgelenk bedeuten: 7.30 Uhr. Seit 30 Minuten sind wir unterwegs - auch der Hallo-wach-Kaffee vor einem Stündchen in der Zentrale an der Franzstraße hat den frühsportentwöhnten Reporter nicht wirklich auf Trab gebracht. Schwester Kirsten schon.
Die 29-Jährige piekt ihre Patientin in den Finger. Der Blutzuckerwert sieht gut aus. Eine kleine Insulinspritze in den Bauch, das war's schon, diesmal - fast. "Wäre es möglich, dass die Kollegin vom Spätdienst morgen erst um 18 Uhr kommt?", fragt die Seniorin. Kein Problem. Schwester Kirsten macht eine Notiz auf dem Dokumentationsbogen, mit dem sie jede einzelne Dienstleistung protokolliert.
"Ich habe allen Grund, dankbar zu sein"
Schwester Kirsten hilft Carola Backhaus täglich bei der Körperpflege - und wird im Gegenzug zuweilen auf ein Tässchen Kaffee eingeladen.


Fotos: Michael Jaspers
Zwei Straßenecken und ein paar Minuten zuvor hat die examinierte Krankenschwester bereits die erste ,,Kundin" versorgt. Seit 50 Jahren wohnt die 91-jährige Gertrud Wellens in dem verhutzelten Reihenhäuschen am Rand von Burtscheid. Die enge Stiege Richtung Badezimmer bewältigt sie erstaunlich flott. Während Schwester Kirsten die muntere Seniorin wäscht und ihr hilft, den allmorgendlichen Kampf mit den störrischen Stützstrümpfen zu gewinnen, erliegt der ungewohnte Gast im Nebenzimmer dem Charme zahlreicher Familienfotos zwischen nicht minder bezauberndem Mobiliar aus Wirtschaftswundertagen. Nein, sagt Gertrud Wellens nachdrücklich, auch nach dem Tod ihres Mannes vor vier Jahren hat sie nie erwogen, ins Heim zu gehen. ,,Ich habe allen Grund, dankbar zu sein, ich habe fünf Kinder großgezogen und bin noch relativ gesund", meint sie. Eben erst hat ihr Nesthäkchen aus Bremen angerufen. Ein Sohn, er wohnt in Laurensberg, schaut oft vorbei und kümmert sich um den Einkauf.
Nach knapp 30 Minuten ist Gertrud Wellens fertig für den Tag. ,,Nur noch der Orden des tierischen Ernstes", flachst Schwester Kirsten und hängt der Seniorin das kleine runde Gerät um den Hals, mit dem sie jederzeit die Zentrale erreichen kann. Flexibilität ist dort Trumpf - ebenso wie in den anderen drei Einrichtungen der Caritas im Stadtgebiet. Sekretärin Gerda Gier hat im Büro (fast) immer ein Ohr an der Muschel, um aktuelle Anfragen entgegenzunehmen, damit Dienststellenleiter Ladislaw Ondrejka die Einsätze der "Mobilen" koordinieren, in Notfällen die erforderlichen Maßnahmen veranlassen kann.
Letzteres ist heute gottlob nicht nötig. Die Tour stresst auch so genug. Schon tritt Schwester Kirsten wieder aufs Gaspedal des kleinen Opel, der in Windeseile zur rollenden Sauna mutiert ist. Ein lahmer Pkw-Pilot wird mit weniger freundlicher Ansprache bedacht als die 14 Patienten, die heute auf dem Plan stehen. Selbst freitags, wenn Müllabfuhr und Burtscheider Wochenmarkt für Blechchaos sorgen, würde er's ja nicht hören ... Von Unfällen und größeren Pannen ist Schwester Kirsten bislang zum Glück verschont geblieben. Seit immerhin sieben Jahren arbeitet sie als "rasende Krankenschwester" mit Hingabe und großer Freude, wie sie betont. ,,Einmal hab ich mir einen Seitenspiegel abgefahren", erzählt sie. "Und als ich mal eine Reifenpanne hatte, konnte ich per Funk schnell einen Kollegen rufen, der das Auto wieder flottgemacht hat." Sagt's und stoppt ihr Gefährt an der Eckenberger Straße. Erheblich pflegebedürftige Patienten, die naturgemäß besonders viel Zeit, Kraft und Sorgfalt in Anspruch nehmen, stehen heute ausnahmsweise nicht auf dem Plan. Schwester Kirsten kann die Gunst der Stunde nutzen, hier und da ein Minütchen mit ihren Schützlingen zu quasseln. Vor allem mit denen, die sonst niemanden haben. "Natürlich ist man oft auch so etwas wie ein Seelentröster", sagt sie.
Wenig später - wir machen Station bei einem Ehepaar in der Amyastraße - erzählt uns die Hausherrin, dass eine Nachbarin kürzlich mit 30 Dosen Katzenfutter auf der Matte stand. "Ständig fragen die Leute: ,Was können wir mitbringen?' Das ist schön", sagt die freundliche Dame. "Weggehen würde ich hier niemals", meint sie und lacht leise: "Wenn ich noch einmal umziehe, dann nur zum Waldfriedhof." Man gerät ins Plaudern über alte Zeiten, den Krieg und die schweren Aufbaujahre. Aachener Historie hautnah, aus allererster Hand - oft genug spannender als jeder Thriller.
Nur Klagen hört man nirgends. Auch nicht beim Ehe-paar Bernd. Der ehemalige Schulrektor (85) und seine Frau (80) erzählen von den Kindern und freuen sich. Gestern hat Schwester Kirsten dem rüstigen Rentner die Haare geschnitten - sieht perfekt aus! Heute hilft sie beim Rasieren. Schönen Dank - ach ja: Morgen kommt Esther. Kirsten hat die Spätschicht übernommen. "Die Arbeitszeiten sind okay", sagt sie. Obwohl ihr Wecker normalerweise um 5 Uhr losrasselt. Zwölf Tage am Stück arbeitet sie, jeweils 6,5 Stunden, an Wochenenden sechs.
Lob spornt an
Längst hängt die Aachener Sonne wie ein gigantischer Glutofen über dem Talkessel. Für Schwester Kirsten neigt sich ein (fast) ganz normaler Tag dem Ende zu. Vor der Zentrale an der Franzstraße sammeln sich die weißen Caritas-Flitzer. Ein halbes Stündchen vielleicht benötigen die Schwestern und Pflegerinnen noch, um die "Tourentabelle" zu aktualisieren. Ondrejka spart nicht mit Lob für seine Außendienstler. Wohl wissend, dass die mobile Pflege in den kommenden Jahren un-geahnte Herausforderungen bewältigen muss. "Viele alte Menschen leiden vor allem unter Einsamkeit", sagt Herbert Schaber, Referent für die Pflegeeinrichtungen bei der Caritas. "Deshalb versuchen wir unser Möglichstes, das ehrenamtliche Engagement weiter zu stärken: etwa die unentgeltlichen Besuchsdienste und Nachbarschaftsprojekte auf Pfarrebene."
"Bei Finanzierung ist das Ende der Fahnenstange erreicht"
Die Finanzierung der enorm breit gefächerten Angebote werde gleichwohl immer schwieriger. "Seit 1995 sind die Pflegesätze um ganze fünf Prozent angehoben worden, die Personalkosten aber um rund 20 Prozent gestiegen. Das Ende der Fahnenstange ist erreicht", meint Schaber. Daher habe die Caritas gegenüber den Kassen eine Erhöhung ihrer Tarife durchgesetzt. "Es ist nicht immer leicht, auch den Angehörigen zu vermitteln, dass eine qualitätsgesicherte Betreuung eben ihr Geld kostet", berichtet Ondrejka. ,,Wir müssen den Spagat zwischen unserem christlichen Auftrag und der Wirtschaftlichkeit bewältigen", sagt Schaber, "deshalb müssen wir noch intensiver ins Bewusstsein rücken, dass die gesamte Gesellschaft vor dieser Herausforderung steht."
An Schwester Kirsten und ihren Kollegen (die meist Kolleginnen sind) soll's nicht liegen. "Mein Arzt hat gesagt, ich müsste unbedingt auf meinen Rücken achten", hat die 29-Jährige eben noch erzählt. "Aber ich mache weiter, solange es irgendwie geht."
Matthias Hinrichs ist Redakteur der Aachener Zeitung, in der diese Reportage ungekürzt erschienen ist.
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.
Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 1/2004









