Der Chef als Vorbild

Führungskräfte in sozialen Unternehmen müssen die Wertorientierung vorleben, die sie von ihren Mitarbeitern erwarten

Caritas in NRW: Soziale Berufe sind so vielfältig wie das menschliche Leben. Das Spektrum reicht von der

Martina Borgmann hat Wirtschaftswissenschaften und Sprachen studiert und ist seit zwölf Jahren in der Personalberatung tätig. Sie ist verheiratet, hat eine Tochter und ist "Partnerin" der "Kienbaum Executive Consultants" GmbH. Seit einigen Jahren hat sie sich auf den Bereich der sozialen und medizinischen Einrichtungen spezialisiert.
Pflege bei Krankheit und Alter über Hilfen bei Behinderungen unterschiedlichster Art bis hin zu Unterstützung bei Krisen, Suchtkrankheiten, persönlichen Krisen, psychischen Krankheiten, zerbrechenden Familien, psychischer Belastung, Armut, Arbeitslosigkeit. Wo trifft eine Unternehmens- und Personalberatung mit diesem Teil der gesellschaftlichen Realität zusammen?

Martina Borgmann: Auf den ersten Blick gibt es einen Bereich, wo wir mit diesen Themen konfrontiert werden, und zwar dann, wenn wir mit arbeitslosen Kandidaten ins Gespräch kommen.

> Ist Arbeitslosigkeit ein Handicap?

Es gibt zwei Perspektiven: Einerseits muss man sich in den Arbeitsuchenden und das damit verbundene Schicksal hineinversetzen können und andererseits in die Erwartungshaltung des Kunden. Der Kunde erwartet von uns zu Recht, dass wir ihm Top-Führungs- oder Fachkräfte präsentieren. D. h., aus wirtschaftlicher Sicht muss ein Kandidat eine Phase der Arbeitslosigkeit schlüssig erklären. Unverschuldete Arbeitslosigkeit ist aber letztlich natürlich kein Grund, einen Kandidaten abzulehnen.

> Macht es für Sie einen Unterschied, einen Manager für eine soziale Institution oder einen Verband auszusuchen oder für ein Unternehmen?

Vor ein paar Tagen besuchte ich eine Einrichtung mit Stiftungscharakter. Im Gespräch mit dem Geschäftsführer haben wir uns weniger über die vakante Position unterhalten als über das Leitbild und die gelebte Kultur der Gesellschaft. Die wesentliche Aufgabe sehe ich darin, zu verstehen, auf welche Faktoren es im Rahmen der Personalsuche ankommen wird, damit die Position auch langfristig erfolgreich besetzt sein kann. Bei Unternehmen aus der freien Wirtschaft wird uns nicht selten als Arbeitsgrundlage ein nüchterneres Positionsprofil vorgelegt, wenngleich wir dann natürlich die Rahmenbedingungen genau checken, um einen Kandidaten zu finden, der auch menschlich zum Unternehmen passt. Bei sozialen Einrichtungen kommt es mir im Rahmen der Vorauswahl einer Führungskraft noch stärker auf die persönliche Einstellung, die geistige Haltung, den familiären Hintergrund, das private Umfeld der in Frage kommenden Person an.

> Wie würden Sie eine christliche Unternehmenskultur oder Unternehmensphilosophie beschreiben?

Spontan stellt sich mir der Gedanke ein: das Gegenteil von Mobbing. Ein wirtschaftlich florierendes Unternehmen kann nur im Zusammenspiel mit allen Mitarbeitern auf allen Ebenen funktionieren. Allerdings ist es in der heutigen Zeit, wo sich wirtschaftlicher Druck seitens des Marktes aufbaut, nicht einfach, christliche Unternehmenskultur und Wirtschaftlichkeit miteinander in Einklang zu bringen. Meiner Erfahrung nach bestehen in mittelständisch geprägten Unternehmen die besten Chancen, beide Seiten "unter einen Hut" zu bringen.

> Warum?

Mittelständische Strukturen sind im Allgemeinen überschaubarer, da steht der Mensch mehr im Vordergrund, man kennt die Kollegen und ihr privates Umfeld besser.

> Was glauben Sie, was unsere Gesellschaft braucht, damit es aus der allgemeinen Misere wieder aufwärts geht?

Ich denke, dass wir Vorbilder brauchen, d. h., wir brauchen politische Führungskräfte, die eine positive Grundeinstellung haben und Werte vermitteln können. Was vorgelebt wird, wird sich in der Gesellschaft verbreiten. Ich glaube, dass dieser Volkswirtschaft unterschätztes Potenzial verloren geht, weil Wertvorstellungen "altmodisch sind" und nicht von "oben" nach "unten" bis hin zu Kindern und Jugendlichen transportiert werden. Dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die Schulausbildung ebenso "schlechte Noten" bekommt. Auf die Unternehmen würde sich eine größere Wertorientierung positiv auswirken, was die Unternehmen - dies wird sicherlich unterschätzt - auch wirtschaftlich weiterbringen würde.

> Brauchen soziale Unternehmen Mitarbeiter, die stärker als andere aus Überzeugung arbeiten, weil sie sonst diese Arbeit nicht leisten können?

Ich erlebe besonders die Führungskräfte sozialer Einrichtungen. Im persönlichen Gespräch kann ich erkennen, dass Engagement und eine Wertorientierung vorhanden sein müssen, da sie sonst vermutlich nicht die Kraft zur Bewältigung ihrer Aufgaben hätten - besonders in Zeiten immer knapperer Budgets. Das überträgt sich auf die Mitarbeiter, die mit Kranken, Sterbenden, Behinderten in ihrem beruflichen Alltag zu tun haben.

Das Interview führte Markus Lahrmann.

Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 1/2004