Weiterhin Nachbarn
Ehrenamtliche im Altenheim verstärken das soziale Netz und ergänzen die Pflegekräfte
Von Markus Lahrmann
Fünf Säulen zieren das Reginenhaus in Hamm-Rhynern. Auf ihnen ruht nicht etwa das Bauwerk aus Stein, Stahl und Glas, sondern es sind menschliche Säulen, Säulen der Nächstenliebe. Sie bilden das Fundament für Zuwendung und Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner. Weit über das Maß hinaus, das hauptamtliche Pflegekräfte rein zeitlich leisten können.
Rund 150 Ehrenamtliche kümmern sich in fünf verschiedenen Aufgabenbereichen um die 71 Bewohner des Altenheimes. Das Haus in Trägerschaft der Kirchengemeinde St. Regina kann zu Recht als Vorzeige- Einrichtung gelten.
Forciert wurde die Arbeit mit Ehrenamtlichen 1994, als sich die Ordensschwestern der Salzkottener Franziskanerinnen aus dem Haus zurückziehen mussten. Damals begann der Pastor der Kirchengemeinde, Mütter der Kommunionkinder anzusprechen, ob sie die Begleitung der alten Menschen zum Gottesdienst übernehmen oder Spielemorgen gestalten könnten. In den Jahren zuvor hatte eine Frau aus dem Ort einen Besuchsdienst organisiert. "Wenn man das einmal aufgebaut hat, dann geht das, aber bis sie es geschafft hatte, musste diese Frau viele Mühen auf sich nehmen und viele Menschen fragen", sagt Heimleiter Johannes Kochanek bewundernd. Jeder Bewohner hat also einen Paten aus dem Ort, der ihn besucht. Wenn jemand ausfällt, muss wieder jemand gesucht werden. Kochanek ist selbst jahrelang "durch die Vereine in der Gegend getingelt", hat Vorträge über Pflegeversicherung und Alt-Werden gehalten und nebenbei dafür geworben, sich zu engagieren. "Inzwischen ist es so, dass sich Leute von selbst hier melden, wir mussten auch schon jemanden abweisen, weil der Bedarf gerade mal gedeckt war", sagt der gelernte Religionspädagoge.
Sterbebegleitung und Qualitätssicherung
Der Besuchsdienst - übrigens ökumenisch, sodass evangelische Bewohner auch einen evangelischen Paten haben - besteht derzeit aus 71 Ehrenamtlichen. Das entspricht der Zahl der Bewohner des Hauses. Hinzu kommen (als zweite "Säule") 25 ehrenamtliche Mitarbeiter in Betreuungsangeboten. Sie spielen mit den Bewohnern Brettspiele, singen und musizieren und organisieren Lesestunden, Erzählcafés und Bildungsangebote. Rund 45 Ehrenamtliche leisten in der großzügigen Cafeteria Dienst (dritte "Säule"), einige zusätzlich zu ihrem Besuchsdienst. In einer Arbeitsgruppe Sterbebegleitung sind zehn Ehrenamtliche engagiert. Ganz außergewöhnlich ist jedoch die fünfte "Säule": Zehn Ehrenamtliche beteiligen sich an der Qualitätssicherung.
Das Reginenhaus hat als eines der ersten Häuser auf Bundesebene das so genannte "Dementia-Care-Mapping" als Qualitätssicherungsinstrument in der Dementenpflege implementiert. Dabei beobachten speziell ausgebildete hauptamtliche und auch eben ehrenamtliche Mitarbeiter die Wirkung von pflegerischem und betreuerischem Handeln auf das Wohlbefinden der Bewohner. Die Ergebnisse haben Auswirkungen auf die Pflegeplanung und damit auf die Art der Zuwendung, die den mehr oder weniger verwirrten Bewohnern zuteil wird.
Dabei ist das Ehrenamt eben kein Stellenersatz. Heimleiter Kochanek hält natürlich den Pflegepersonalschlüssel ein, der den Einsatz von mindestens 50 Prozent examinierter Fachkräfte vorschreibt. "Sie wollen nicht Gewissen beruhigen, sie verstehen sich als Nachbarn und als Garanten für das Aufrechterhalten des sozialen Netzes", beschreibt Kochanek die Motivation der Ehrenamtlichen. Nicht selten besteht auch der Wunsch, sich selbst auf das Alter vorzubereiten, Berührungsängste zu verlieren. "Da müssten eigentlich flankierend Begleitung, Fortbildungsmaßnahmen und Krisenangebote geleistet werden, aber das übersteigt unsere Kräfte und Mittel", sagt Kochanek. Dabei müht man sich jetzt schon enorm.
"Arbeitsplatzbeschreibung" Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 4/2002
Die Heimleitung erstellt so etwas wie eine Stellenumschreibung für jeden Freiwilligen, der kommt. Dabei werden Aufgaben und Zeitaufwand definiert. Es folgen Vorstellung und Einführung. Ehrenamtliche können sowohl über den Förderverein als auch über den eigenen Vorstand, der ein eigenes Organ bildet, an Entscheidungen über die Zukunft des Hauses mitwirken. Jede Säule hat einen eigenen Sprecher, der die Interessen des Bereiches im Vorstand vertritt. Zudem werden die Ehrenamtlichen genau wie Hauptamtliche an der Überprüfung der Umsetzung des Leitbildes beteiligt und in den Fortbildungsplan mit einbezogen.
"Wir könnten die Arbeit mit den Ehrenamtlichen optimieren, aber das übersteigt unseren Rahmen", sagt Kochanek. Das könne auch der gruppenübergreifende Dienst nicht leisten, denn dann würde die Zeit für die Bewohnerinnen und Bewohner fehlen. Das Reginenhaus hat jetzt einen Antrag an die Stiftung Wohlfahrtspflege gestellt. Vielleicht findet diese ja die generationenübergreifende Arbeit mit den Ehrenamtlichen ebenfalls vorbildhaft und förderungswürdig.







