Wissen und Können
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| Foto: Andre Zelck |
Welche Anforderungen werden an Ausbildung und Qualifizierung von Mitarbeitern in der Behindertenhilfe gestellt?
Von Günter Oelscher
Mit Schulpolitik kann man Wahlen verlieren. Beim Streit über das beste System meint jeder mitreden zu können, der selbst eine Schule besucht hat. Von allen Seiten hagelt es Kritik an der Wissensvermittlung in den allgemeinbildenden Schulen, an der praxisfernen Lehrerausbildung, an der zu langen Schulzeit, an fehlenden Voraussetzungen der Schüler und am Schulsystem. Dabei ist das Ziel unstrittig: Die allgemeine und berufliche Bildung soll die optimale Vorbereitung für den späteren Beruf leisten. Welche Anforderungen bestehen also in der Behindertenhilfe an unsere zukünftigen Mitarbeiter?
Ein Blick in die Einrichtungen der Behindertenhilfe zeigt, dass die Veränderung unserer Arbeit mit Riesenschritten voranschreitet. Noch vor wenigen Jahren standen in der Arbeit mit behinderten Menschen das pädagogische Handeln und der Pflegesatz im Vordergrund. Der Austausch zwischen Verwaltungskräften und Pädagogen hielt sich in Grenzen. Kam es doch zum Gespräch, konnte man dem fachlichen Gegenüber in der eigenen Einrichtung mal sagen, „was eigentlich Sache ist“. Heute sind wir davon weit entfernt, denn die Aufgaben haben sich verschoben: Zunehmend sollen die Pädagogen auch Verwaltungs- und Finanzfragen im Blick haben, und die Verwaltungskräfte müssen sich in pädagogischen Fragen auskennen. Hinzu kommt die zunehmende Differenzierung der gesamten Arbeit (Stichworte hierzu sind u. a.: Leistungstypen, Hilfsbedarfsgruppen, Grundpauschale, Maßnahmepauschale, Investitionsbetrag, individueller Hilfsbedarf, Förderplanung, ICF, UNO-Konvention etc.).
Die Finanzmittel werden knapper, und die Behörden übernehmen zunehmend Steuerungsfunktion bis hinein in die tägliche pädagogische Arbeit. Die Finanzierung ist immer öfter gekoppelt an eine bis in manches Detail ausgefeilte pädagogische Konzeption. Auf der Grundlage verfügbarer (abstrakter) Daten bemüht man sich um Effizienzsteigerung und Kostensenkung bei den Betreuungsleistungen. Es ist mehr als zweifelhaft, ob die konkrete Arbeit dadurch nachhaltig verbessert oder nachhaltig günstiger werden könnte. Im pädagogischen Alltag wirkt sich diese Entwicklung jedenfalls dahingehend aus, dass für die unmittelbare Arbeit mit dem behinderten Menschen immer weniger Zeit bleibt. Der Pädagoge muss seine umfassende Arbeit fachlich und praktisch gut organisieren, um allen Aufgaben gerecht zu werden.
Außerdem ist die Datenverarbeitung mit ihren komplexen Systemen in die Einrichtungen eingezogen. Die Bedienung der Hardware muss ebenso beherrscht werden wie die differenzierten Softwareprogramme. Neuen Mitarbeitern fehlen leider allzu oft theoretische Grundlagen und Praxiskenntnisse. Das Internet ist heute zudem allgegenwärtig, und die Nutzung der elektronischen Datenübertragung ist heute für extern tätige Dienste ebenso selbstverständlich wie unumgänglich. Die Mitarbeiter stehen dadurch zunehmend auch vor einer kaum noch überschaubaren Flut von Informationen. Diese gilt es zu registrieren, zu systematisieren und zu bearbeiten bzw. diese an die richtigen Personen weiterzugeben.
Ein Blick auf die gesellschaftliche Großwetterlage in Europa lässt die zukünftigen Anforderungen an Fachkräfte nur erahnen. Die Globalisierung der Märkte auch in der sozialen Arbeit, die Finanzmarktprobleme (deren Auswirkungen bei Weitem noch nicht überschaubar sind), die defizitären öffentlichen Finanzen, die Überalterung der Gesellschaft, die sich wandelnden ethischen Werte und die Veränderung der Gesellschaft durch die Migration werden Einfluss auf die Arbeitssituation nehmen.
Wo werden die angehenden Sozialpädagogen, Erzieher und Krankenpfleger darauf vorbereitet? Erwerben die Studenten an den Fachhochschulen neben theoretischen auch genügend Praxiskenntnisse? Was bedeuten die oben skizzierten Entwicklungen für die Ausbildung und die Qualifizierung der Mitarbeiter in der Behindertenhilfe? Die Frage ist nur punktuell zu beantworten, da wir uns weit in die Zukunft hineinbewegen und die Auswirkungen der politischen Entscheidungen aufgrund der Komplexität der Systeme immer unübersichtlicher werden. Dennoch sollten bei der Konzeption von Bildungsgängen unter anderem die nachstehenden Forderungen beachtet werden, um Mitarbeiter für die Zukunft anforderungsgerecht auszubilden:
- Die Bildung muss für Mitarbeiter auf allen Ebenen breiter angelegt werden durch eine stärkere Betonung der Pflege, Arbeitsorganisation, Datenverarbeitung und Telekommunikation.
- Ausbildungsinhalte müssen sich konsequent auf Migration und ethische Fragen ausrichten.
- Wir benötigen Rahmenausbildungen mit ergänzenden Wahlmodulen.
- Die Lehrpläne müssen mehr Raum geben für flexiblere Bildungselemente.
- Wir brauchen einen umfassenderen Praxisbezug der Ausbildung.
- Die Ausbildung muss mehr Innovation zulassen.
- Berufliche Bildungsgänge müssen durchlässiger sein, mit Anrechnungsmöglichkeiten für weiterqualifizierende Abschlüsse bzw. Bildungsgänge.
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Eine Ausbildung in der Pflege oder als Erzieher umfasst theoretisches |
Es muss daher in den Einrichtungen ein differenziertes System der Qualifizierung angelegt werden, das die notwendigen Kenntnisse einer Stelle benennt, das vorhandene Wissen des Stelleninhabers dokumentiert, zukünftige Anforderungen ermittelt und schließlich die Bildungslücken durch Qualifizierungsmaßnahmen bei dem betreffenden Mitarbeiter schließt.
Die Praxis sieht heute oft anders aus: Da wird die Weiterqualifizierung entweder negiert, man reagiert auf Anregung von Mitarbeitern, oder man qualifiziert Mitarbeiter nach dem Zufallsprinzip. Kein sehr wirksames System. Damit setzt man leicht auf das falsche Pferd. Und das Wechseln des Pferdes lässt sich nicht immer als innovativer Prozess verkaufen.
Es gäbe also noch viel zu tun. Man muss nur wollen.
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Günter Oelscher ist Direktor des Franz-Sales- Hauses in Essen. Dort werden Menschen mit geistigen, psychischen und mehrfachen Behinderungen in ihrer Eigenständigkeit gefördert und in den Bereichen Wohnen, Lernen, Arbeiten und Freizeit unterstützt. |
Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 3/2010



