Keine Sonntagsreden

Die Enquete-Kommission zur "Situation und Zukunft der Pflege in Nordrhein-Westfalen" hat ihre Arbeit beendet

Von Frank Johannes Hensel

Dass die Bevölkerungsentwicklung in unserem Land zu einer steigenden Zahl von pflegebedürftigen Menschen führen wird, ist längst belegt. Dennoch ist die Gesellschaft auf diese Veränderungen nicht hinreichend vorbereitet. Der nordrhein-westfälische Landtag hatte daher auf Initiative der Unionsfraktion im Januar 2002 eine Enquete-Kommission zur Pflegesituation in Nordrhein-Westfalen eingesetzt. Ihr Abschlussbericht liegt jetzt vor.

Die Ausgangslage: 70 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause durch Angehörige mit Unterstützung ambulanter Pflegedienste, 30 Prozent in Heimen versorgt. Die Zahl der Pflegebedürftigen und der Bedarf an professioneller ambulanter und auch stationärer Pflege werden weiter steigen.

Der Bericht der Enquete-Kommission zeigt auf, dass die ambulante pflegerische Versorgung bisher nicht entsprechend dem Bedarf ausgebaut werden konnte. Eine Weiterentwicklung gerade dieses Bereiches mit dem Ziel einer bedarfs- und bedürfnisgerechten Versorgung wird als wichtige Aufgabe benannt. Die freien gemeinnützigen Pflegedienste in Nordrhein-Westfalen versorgen mit 55,6 Prozent den größten Teil der Pflegebedürftigen. Die Finanzierungsgrundlagen werden als unzureichend und hinderlich für eine qualitative Weiterentwicklung der Pflegedienste bezeichnet. Sie führen dazu, dass die ambulanten Pflegeangebote zu wenig an den unterschiedlichen Bedarfen orientiert sind. So ist z. B. die Finanzierung der psychiatrischen Krankenpflege völlig unzureichend und im Hinblick auf das Genehmigungsverfahren der Krankenkassen sehr bürokratisch.

Die Enquete-Kommission weist zudem auf einen Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Krankenhaussektors und der Kompetenz der ambulanten Pflegedienste hin: Weil sich die Verweildauer der Patienten in den Krankenhäusern immer weiter verkürzt, wird die hohe pflegerische Qualität der Nachsorge immer wichtiger, um Wiedereinweisungen zu verhindern. Der Kompetenz von Pflegediensten kommt daher in bestimmten Bereichen wie z. B. dem Wundmanagement eine immer größere Bedeutung zu.

Im Bereich der teilstationären Einrichtungen werden besonders die Tagespflege und deren Refinanzierung als dringend verbesserungsbedürftig angesehen. In der stationären Pflege hat sich die Bewohnerstruktur verändert: Immer mehr Menschen sind schwer oder schwerstpflegebedürftig. Die Pflege bleibe trotz großer Anstrengungen in vielen Fällen auf das Notwendigste begrenzt und der Unterstützungsbedarf der Bewohner werde sehr ungleichmäßig aufgegriffen. Der erforderliche Pflegepersonaleinsatz müsse dringend wissenschaftlich bearbeitet und insgesamt deutlich verbessert werden, so die Kommission.

In den letzten Jahren haben niedrigschwellige Angebote für demenziell Erkrankte und ihre Angehörigen an Bedeutung gewonnen. Menschen, die ihre demenziell erkrankten Angehörigen pflegen, sind oft rund um die Uhr beansprucht, physisch und psychisch stark belastet und nicht selten mit ihrer Aufgabe überfordert. Die Enquete-Kommission hält es für dringend erforderlich, diese Menschen durch Angehörigengruppen, spezielle Pflegekurse, Betreuungsgruppen für Demenzkranke, häusliche Einzelförderung und -betreuung sowie ehrenamtliche Unterstützung zu entlasten.

Auf Defizite weist der Bericht auch bei der Präventivpflege und bei der Sterbebegleitung hin. Nach Ansicht der Kommission sind in diesen Bereichen die Politik und die Krankenkassen besonders gefordert. So muss z. B. dringend geklärt werden, wer die Kosten für prophylaktische Pflegeleistungen übernimmt. Auch im Bereich der palliativen Pflege gibt es keine angemessene vertragliche Grundlage für die Refinanzierung der Leistungen.

Der Bericht macht deutlich, dass die Prozesse und Ergebnisse der Pflege genauer untersucht und wissenschaftlich durchdrungen werden müssen, um die Qualität zu verbessern und eine angemessene Versorgung zu sichern.

Prognosen und Forderungen
Der Enquete-Bericht greift auch die Unterstützung durch freiwilliges Engagement in der pflegerischen Versorgung auf und nennt gute Beispiele aus dem Bereich freier Trägerschaften. Die Pflege kann aber letztlich nur geleistet und verantwortet werden, wenn Menschen bereit sind, in Pflegeberufen zu arbeiten. Die Gewinnung einer ausreichenden Zahl von Pflegekräften ist eine der zentralen Fragen der pflegerischen Versorgung der nächsten Jahre. Ausführlich ist die Situation der Pflegekräfte untersucht und bewertet worden. Die Ausbildung in der Pflege muss unbedingt weiter gestärkt werden. Die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte bedürfen einer genauen Betrachtung und Verbesserung.

Ausführlich geht der Bericht auch auf die Möglichkeiten ein, Wohnen und Pflege zu Hause zu realisieren. Hier werden erhebliche Verbesserungspotenziale gesehen. Die Wohnversorgung muss weiterentwickelt und ausgebaut werden.

Im Gesundheitswesen gibt es verschiedene Ansätze, um die ambulante und die stationäre Versorgung der Patienten besser zu vernetzen bzw. innerhalb des ambulanten Bereichs eine bessere Abstimmung zu erreichen.

Die Schlagworte lauten:

  • Integrierte Versorgung
  • Ambulante Leistungserbringung des Krankenhauses
    unter bestimmten Bedingungen
  • Hausarztzentrierte Versorgung
  • Entwicklung medizinischer Versorgungszentren im
    Bereich der kassenärztlichen Versorgung
  • Pflegeüberleitung und Entlassmanagement
  • Disease-Management-Programme
  • Zusammenarbeit vor dem Hintergrund der DRG Fallpauschalenfinanzierung

Die Pflege sollte in diesen Konzepten eine wichtige Rolle spielen und auf diese Entwicklungen vorbereitet sein.

Pflege braucht mehr Anerkennung
Aus dem Bericht der Pflegeenquete-Kommission gehen 161 Handlungsempfehlungen zur zukünftigen Gestaltung der Pflege in NRW hervor. Diese Handlungsempfehlungen werden einvernehmlich von allen Mitgliedern der Enquete-Kommission getragen und auch vom Landtag Nordrhein-Westfalens politisch unterstützt. Hervorzuheben ist, dass es damit eine breite fachliche und politische Grundlage für die Weiterentwicklung der Pflege in Nordrhein-Westfalen gibt. Die Handlungsempfehlungen sind an der Situation der pflegebedürftigen Menschen, den Empfehlungen der Leistungsträger in diesem Bereich und den Erkenntnissen der Wissenschaft orientiert.

Die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege in Nordrhein- Westfalen weisen schon seit Jahren auf die Probleme im Bereich der Pflege hin und machen Vorschläge zur Verbesserung der Situation. Mit dem Bericht der Enquete-Kommission haben die Träger, Mitarbeiter und Pflegekräfte in den Verbänden nun ein Druckmittel, um gegenüber der Politik immer wieder auf die notwendigen Änderungen zu drängen.

In diesem Sinne ist die Aufforderung der Vorsitzenden der Enquete-Kommission, Angelika Gemkow, im Vorwort zum Bericht zu unterstützen: "Pflege braucht mehr öffentliche Anerkennung in NRW, und das nicht nur in Sonntagsreden von Politik und Gesellschaft. Öffentliche Anerkennung auch in den Medien, in der Wirtschaft und an vielen anderen Stellen unserer Gesellschaft. Menschenwürde in der Pflege braucht geeignete gesundheits- und sozialpolitische Rahmenbedingungen. Durch sie werden die unverzichtbaren Ressourcen zur Verfügung gestellt, die gesetzlichen Grundlagen gelegt und die Qualitätssicherung gewährleistet."

Dr. Frank Johannes Hensel ist Diözesan-Caritasdirektor im Erzbistum Köln und einer der Herausgeber von "Caritas in NRW".

Der Bericht im Internet unter: www.landtag.nrw.de/Parlament/Enquetekommissionen/abgeschlosseneKommissionen

Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 3/2005