Alltagsgeschichten
Alzheimer lässt grüßen
Eine Erzählung von Theodor Weißenborn
Heute bei Tisch, als ich das Lockenköpfchen sah, dachte ich an meine verstorbene Großtante Therese, die in Middlich bei Osterwick über Coesfeld in Westfalen gelebt hatte und vorzugsweise damit beschäftigt gewesen war, vor sich hin zu sehen.
Das Lockenköpfchen ist der vierte Mann an unserm Tisch im Heim, und ich habe es – im Gedanken an Polanskis „Katelbach“ Lockenköpfchen genannt, weil es eine Glatze hat. Das Lockenköpfchen ist weder taub noch stumm (dafür gibt es Beweise), aber gesprächsscheu oder maulfaul. Ich hatte keine Ahnung, wie es in Wirklichkeit hieß, zumal ich mich nicht erinnerte, diesen kleinen Mann früher, das heißt vor meinem Aufenthalt im Krankenhaus, gesehen zu haben, und also stellte ich mich ihm vor mit einem Wort der Entschuldigung, dass dies nicht längst geschehen sei.
„Ja, ja, ich kenne Sie“, sagte der Mann und drückte mir matt die Hand.
„Ach, woher denn?“
„Na ja, Sie sitzen doch hier am Tisch.“
„Ja, richtig! Natürlich!“, sagte ich. „Alzheimer lässt grüßen“, bemerkte Old Tatterhand, und ich erwog die Möglichkeit, ihm mit seinem Schlabberlatz sein Lästermaul zu stopfen.
„Auf die Gefahr hin, belehrend zu wirken“, schaltete der Kultusminister sich ein (er ist Oberstudienrat i.R., aber ich habe ihn befördert), „Herr Ringleb hat keinen Morbus Alzheimer, sondern eine retrograde Amnesie infolge eines Herzstillstands.“ Eine Klarstellung, die der Belehrte ergeben hinnahm. Das Lockenköpfchen hatte derweil den Blick gesenkt und war in Schweigen versunken. Das Lockenköpfchen schweigt auf eine ausdauernde und penetrante Art, die den Umgang mit ihm je nach dem Temperament derer, die mit ihm zu tun haben, entweder sehr angenehm oder höchst qualvoll gestaltet.
Wenn ich nicht so edel wäre, wie ich bin, würde ich ihm sein Schweigen am liebsten wie einen lauwarmen nassen Spüllappen rechts und links um die Ohren hauen!
Die Suppe wurde aufgetragen, und das Lockenköpfchen hat sich bekreuzigt, was mich an eine Gebetstravestie aus dem Munde des alten Professors Heupel-Siegen erinnerte, der, als er einmal bei meinen Eltern zu Gast war, zur Ergötzung meines kindlichen Gemüts sagte: „Dem Herrn sei Dank für Speis und Trank – pfui Teufel, stinkt der Käse!“
Das Lockenköpfchen, wenn es das Kreuzzeichen macht, ist hier auf dem falschen Dampfer, denn das Kreuzzeichen gehört nicht in den Bereich der Diakonie, sondern der Caritas. Aber vielleicht – zumal wenn die Kasse stimmt – nimmt man’s bei der Hausverwaltung nicht so genau. Vielleicht ist das Lockenköpfchen, auf dem Weg vom Regen zur Traufe, ja auch längst zum Protestantismus konvertiert und hat dies, zerstreut, wie alte Leute oft sind, nur wieder vergessen. Und dann gibt es neben dem Geist der Ökonomie ja auch noch den Geist der Ökumene! – Ökumene. Kurioser Frauenname! Oder Hygiene! Oder „Hyene“, wie Erich Honecker sagte!
Wenn es nicht kaut oder schluckt, sitzt das Lockenköpfchen still da und schaut auf seine Hände oder auf den leeren Teller oder aufs Tischtuch, sieht nicht nach rechts und nicht nach links, sondern geradeaus vor sich hin, als hätte es wie meine Tante Therese im Krieg seine beiden Söhne verloren.
Meine Tante Therese hatte nicht trauern können – es war ihr nicht gegeben, oder sie hatte es nie gelernt –, und daher war sie in Depression versunken. Sie saß, wo sie gerade saß, und blieb da sitzen, wo sie saß, und sah vor sich hin und hielt einen Hund auf dem Schoß. Der Hund, mit der Wärme seines Körpers, der Weichheit seines Fells, seinem Gähnen und seinem Gewedel, hatte sie am Leben erhalten. Sie sah auf den Hund vor sich, auf dem ihre Hände lagen, und auf ihre Hände, die auf dem Rücken des Hundes lagen, und so hatte ihr Blick einen Gegenstand, und sie hatte ein Gegenüber in der Gestalt des Hundes und ihrer Hände, und so war ihre Welt nicht leer, sondern gefüllt mit Händen und Hund.
Sie hatte drei Hunde überlebt, die Nelly, Pfiffi und Heidi hießen und Großmutter, Mutter und Kind waren. Man sorgte dafür, dass stets ein Hund für sie zur Hand war, und ich bin nicht sicher, dass man Besseres für sie hätte tun können. Sie saß im Winter am Herd, in dessen Backfach sie ihre Füße geschoben hatte, und sommers am Schattengiebel auf der Gartenseite des Hauses mit dem Blick auf blühende Blumen und Sträucher, Gemüsebeete und Obstbäume und war von Fliegen und Bienen umsummt.
Sie ruhte.
Man sollte dem Lockenköpfchen einen Hund schenken oder eine Katze. Man sollte Old Tatterhand füttern, dann braucht er auch keinen Latz, und man sollte den Kultusminister zu einer Partie Schach einladen. Dies tu ich am besten selbst, nachher, nach dem Kaffee, denn alles, was Hand und Fuß hat, muss man hier selber machen. Saftladen!
Theodor Weißenborn lebt als freier Schriftsteller in Pulheim.
Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 1/2010







