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„Wir sind Ermöglicher“
Hausgemeinschaft St. Barbara in Herten
In gewisser Weise sind sie zurückgekehrt in eine Großfamilie, wie sie ihnen aus Kindertagen bekannt ist. Gekocht und gelebt wird in einem großen Raum, Jung und Alt sitzen am großen zentralen Tisch, Menschen kommen und gehen. Nur das Verhältnis der Generationen ist umgekehrt: statt vieler Kinder wie damals viele Hochbetagte.
Sie leben in ihrer Vergangenheit, erinnern sich vor allem an Kindheit und Jugend. Da passt es gut, einerseits die Sicherheit eines festen Rahmens zu haben und andererseits immer wieder Anregungen durch die vielen Besucher, die mit Kind und Hund kommen. Leben, so bunt und manchmal auch anstrengend, wie es früher war. Wenn es zu viel wird, bleibt die Rückzugsmöglichkeit hinter die Tür des eigenen Zimmers. Das Miteinander von Bewohnern und Gästen bestimmt den Alltag.
Demenzkrank in verschiedenen Stadien sind fast alle 40 Bewohner der Hausgemeinschaft St. Barbara in Herten. Sie haben eine letzte Heimat in vier Wohngemeinschaften gefunden, in denen Sie so aktiv bleiben können, wie sie möchten und noch können. Frau Pawlik* kümmert sich im Hauswirtschaftsraum gerne um die eigene Wäsche, bügelt und faltet sie so sorgfältig zusammen, wie sie das gelernt und immer gemacht hat. Ihre Zimmernachbarin Frau Heine* bewegt sich gerne und fährt mit dem Rollator von Wohngemeinschaft zu Wohngemeinschaft, immer wieder ums Karree.
Neuer Lebensmittelpunkt ist die im letzten Jahr eröffnete Hausgemeinschaft der Caritas Herten auch für die Menschen auf dem Paschenberg geworden. Nur der Turm ist dort oben übrig geblieben, die Kirche musste dem zweistöckigen, um einen Innenhof angelegten Neubau weichen. Aber in wenigen Monaten hat sich St. Barbara wieder zum Gemeindezentrum entwickelt. Die Cafeteria im Eingangsbereich wird für Aktionen genutzt, nebenan bietet die Caritas tagsüber Schulungen an, und abends treffen sich Gruppen aus der Gemeinde. In der Kapelle feiern katholische und evangelische Christen Gottesdienste.
Viele Gedanken haben sich Bernd Raspel, Leiter der Caritashäuser Franz von Assisi, Kardinal von Galen und St. Barbara, und Caritas-Geschäftsführer Matthias Müller mit ihren Mitarbeitern gemacht, um das neue Haus für demenzkranke alte Menschen lebenswert zu gestalten. Das Besondere des Konzepts hat die Stiftung Deutsches Hilfswerk mit 500000 Euro Förderung anerkannt.
Grundriss und Konzeptidee sind das eine, das Miteinander von Mitarbeitern, Bewohnern und Gästen im Alltag ist das andere. Bewährt hat sich mittlerweile beides, auch wenn nicht gleich alles perfekt lief und es natürlich auch Konflikte gibt –
wie in jeder Familie.

Fotos: Westbeld
Hausgemeinschaften sind auch nicht für jeden alten Menschen passend, weiß Bernd Raspel. Wegen eines Umbaus in Franz von Assisi mussten Bewohner von dort nach St. Barbara umziehen. Es blieb ihnen überlassen, zu bleiben oder nach Fertigstellung zurückzukehren. Die Hälfte blieb. „Menschen, die den ‚Hotel-Charakter‘ im klassischen Altenheim wollten, hat es hier wohl nicht so gefallen“, sagt Raspel. Er sieht es als Kompliment für beide Häuser. Die Caritas in Herten bietet für alte Menschen aus gutem Grund verschiedene Wohn- und mit dem betreuten Wohnen gleich neben dem Altenheim auch Übergangsformen an.
Besuch auf der Matratze
„Wir sind Ermöglicher“, beschreibt Raspel die Grundhaltung, die vor allem auch St. Barbara prägt. Kommt Besuch eines Angehörigen aus weiter Entfernung, wird auf Wunsch eine Matratze im Zimmer dazugelegt. Möchte ein Paar einziehen, wird der eine Raum Schlafzimmer und der zweite zum Wohnzimmer umgestaltet. Die Bewohner dürfen überall mithelfen, soweit sie wollen und können und keine Vorschriften entgegenstehen. Das Gleiche gilt für die Mitarbeiter. Jeder macht alles, es sei denn, er darf es aufgrund seines Berufsprofils nicht. „Eine Altenpflegerin zum Beispiel putzt also auch, eine Hauswirtschaftsmitarbeiterin darf aber keine Medikamente verabreichen“, erklärt Raspel. Und eines dürfen alle nicht: weiße Kittel tragen.
Deswegen ist die Unterscheidung nicht immer einfach: Bewohner oder Angehöriger, Mitarbeiterin oder Tochter, Praktikant oder Enkel? Alle treffen sich um den großen ovalen Tisch. Offensichtlich ist die Atmosphäre familiär angenehm. Sonst käme die Tochter einer Bewohnerin möglicherweise nicht jeden Tag für eine Stunde aus Essen, um ihre Mutter zu besuchen. Oder der ältere Mann aus der Nachbarschaft ohne verwandtschaftliche Beziehungen ins Haus wäre nicht Dauergast, um eine Tasse Kaffee mitzutrinken und sich mit den Bewohnern zu unterhalten.
Deswegen geht es überwiegend ruhig zu, ein Indiz dafür, dass die demenzkranken alten Menschen sich wohl fühlen. Die Mitarbeiter wohl auch. Die waren anfangs teilweise skeptisch, was die neuen Arbeitsbedingungen anging. Abgesehen von Hausleiter Thomas Skamira arbeiten alle nur maximal fünf Stunden am Stück. Das stresst weniger und lässt die Pause entfallen, zu der sie sich nach sechs Stunden in ihren Pausenraum zurückziehen würden. Den gibt es in St. Barbara bewusst nicht.
Weitere Indizien deuten auf das Gelingen des Konzepts hin: Zwei Schüler aus der benachbarten Erich-Klausener-Realschule nutzen die Herbstferien für ein freiwilliges zusätzliches Praktikum. Eigentlich wollten sie nur wenige Tage bleiben, haben aber um eine Verlängerung gebeten. Bernd Raspel erinnert sich an den „Motorroller-Frisierer“. Zweimal wurde er dafür verurteilt, leistete die Sozialstunden ab. Danach bewarb er sich für eine Ausbildung als Altenpfleger.
„Sie gewinnen Gemeinschaft“
Auch FSJler verstärken das Team in St. Barbara, und zwei Demenzbegleiter bringen die Zeit für die Bewohner mit, die den Pflegemitarbeitern manchmal fehlt. Ansonsten gilt der gleiche Pflegeschlüssel wie in jedem Altenheim. Mit 40 Plätzen wäre es heute eigentlich nicht wirtschaftlich zu führen. In St. Barbara gelingt es, weil vieles in Zusammenarbeit mit den beiden anderen Einrichtungen organisiert werden kann. Gemeinsam gelingen gute Pflege und anregende Begleitung dazu.
Wenn es ohne Begleitung und Pflege nicht mehr geht, geben die älteren Menschen für den Umzug in ein Altenheim viel auf. Bernd Raspel erlebt immer wieder, wie schwer es ihnen fällt: „Aber wir sagen, sie gewinnen Gemeinschaft.“
Harald Westbeld
Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 1/2010







