Bratwurstduft und Bingo
Familienähnliche Hausgemeinschaften erlauben ein Maximum an
Tun, was im Haushalt getan werden muss. Niemand muss darauf im Alter verzichten.
Selbstbestimmung
Fotos: Lahrmann
Von Markus Lahrmann
Frau van den Borst wischt den Tisch ab. Eigentlich ist der Tisch sauber. Trotzdem hebt sie sorgfältig das Deckchen in der Mitte, wischt mit dem feuchten Lappen drunter her. Frau Rautenberg schaut eine Kiste mit alten Fotos und Postkarten durch, Anna Piepenbring schiebt sich mit dem Rollator vor eine Zimmertür. „Kann man hier reingehen?“, fragt sie neugierig. Derweil beginnt am Küchenblock die Hauswirtschafterin Najate Lefaf mit den Vorbereitungen für den Makkaroni-Eintopf, den es zu Mittag geben soll. Sieht so Teilhabe in einem modernen Alten- und Pflegeheim aus?
Entspannte Atmosphäre herrscht auf der 5. Etage im Katharinen-Stift Am Bunten Garten in Mönchengladbach. Das sollte für ein Altenheim nichts Besonderes sein. Ungewöhnlich ist dagegen das Konzept der Hausgemeinschaften, das hier konsequent umgesetzt wird. Gerade demenzkranke Menschen, die nicht schwer verhaltensgestört sind, fühlen sich in kleinen Wohngruppen wie hier in der 5. Etage wohl. Frau Lehnen deckt den Tisch, gleich gibt es Bratwurst. So soll es sein, fordert das neue Wohn- und Teilhabegesetz in NRW.
Die familienähnliche Struktur gibt Sicherheit und erlaubt ein Maximum an eigenständiger, selbstbestimmter, aktiver Gestaltung des Tages. „Ein Tagesablauf wie zu Hause ist Grundstruktur für unsere Arbeit hier“, sagt Christiane Müller, die Einrichtungsleiterin. Von Anfang an – das Haus ist erst knapp ein Jahr alt – hat sie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern deutlich gemacht, dass gerade der Alltag für die Heimbewohner wichtig ist. Das bedeutet: Alle Betriebsabläufe sollen sich den Bewohnern anpassen. Immer wieder wird ihnen angeboten, sich zu beteiligen.
Ingeborg van den Borst hat sich inzwischen die Arbeitsplatte und die Spüle vorgenommen. Sorgfältig wischt sie Wassertropfen und Kalkreste ab. „Ich muss jetzt mal hier wischen“, sagt sie zwischendurch immer wieder fröhlich und macht dabei einen ausgesprochen zufriedenen Eindruck. Sie kann ihrem Bewegungsdrang
nachgehen, ohne dass sich jemand gestört fühlt, und nach einer Weile setzt sie sich zufrieden an den Tisch.
Alles vermeiden, was einen institutionellen Hotelcharakter hervorruft. Frau Jülich rührt die Salatsoße an.
„Frau Jülich, möchten Sie die Salatsoße anrühren?“, fragt derweil Hauswirtschafterin Lefaf. Die Angesprochene steht auf und tritt zum Küchenblock in der Mitte des großen Wohn- und Essbereiches. Gemeinsam messen die beiden drei Löffel Öl ab, rühren Essig, eine Prise Salz und Gewürze in die Soße.
67 Bewohner leben auf sechs Etagen in Hausgemeinschaften mit acht bis maximal 13 Bewohnern. Das Konzept der Hausgemeinschaften geht zurück auf das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA), das immer wieder Alternativen zum klassischen Pflegeheim gesucht hat: „Weg von straff organisierten, wirtschaftlich orientierten Institutionen, hin zu möglichst viel gelebter Normalität. Auch ältere Menschen sollen weiterhin so leben, wie sie es ihr ganzes Leben gewohnt waren. Denn jeder Mensch hat das Grundbedürfnis nach selbstbestimmtem Wohnen – auch bei Hilfs- und Pflegebedarf.“ Im Katharinen-Stift ist natürlich immer dann Pflegepersonal zur Stelle, wenn es um Pflegemaßnahmen oder Hilfe und Unterstützung beim Essen geht.
Doch den alten Menschen Teilhabe im Alltag zu ermöglichen erfordert darüber hinaus sehr viel mehr.
Im Katharinen-Stift bedeutet das zum Beispiel, dass auf jeder Etage der Speiseplan gemeinsam von
Bewohnern mit der Hauswirtschafterin erstellt wird. Die industrielle Zentralküche mag rationeller sein, sie ist aber auch teilhabefeindlicher. So arbeitet auf jeder Etage tagsüber eine Hauswirtschafterin, die sich gemeinsam mit den Bewohnern, die wollen, im weitesten Sinne um den Haushalt kümmert.
Jede Hausgemeinschaft hat ihren Bäcker, Metzger, Lebensmittel-Händler, die je nach Speiseplan liefern. Es gibt ein eigenes Kassenbuch, und man sieht, wie gewirtschaftet wird. Teilhabe bedeutet manchmal auch, dass ein oder zwei Bewohner spülen – so wie sie es von zu Hause gewohnt sind. Wenn es aus hygienischen Gründen notwendig ist, wird danach eben noch mal die Spülmaschine gefüllt.
Bratwurstduft zieht sich durch die 3. Etage. Dazu wird es Kartoffeln und Bohnen geben. „Das Kochen ist hier wie zu Hause, man kann die Leute fragen, was sie mögen“, sagt Hauswirtschafterin Kerstin Dirks. Die gelernte Verkäuferin arbeitet gerne im Altenheim. „Wir sind wie eine Familie, es ist, als wenn wir unsere Mütter vor uns haben“, sagt sie. Zu tun gibt es immer etwas:
Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 1/2010







