Hungern für Heizung
Mathematisch ist das Problem nicht zu lösen. Anders aber auch nicht. Hartmut F. (Name geändert) ist geschockt und steht vor mehreren Rätseln. Knapp zwei Wochen Zeit gibt ihm der Computerausdruck der Stadtwerke Borken, um 1.306,93 Euro zu überweisen. Bei 1.054 Euro liegt sein Monatseinkommen als ALG-II-Empfänger mit Frau und zwei Kindern.
Die Abrechnung für Strom und Gas ist ein Tiefschlag. Mehrverbrauch und Preiserhöhungen haben sich 2008 zu einer Nachzahlung von exakt 1.103,93 Euro summiert. Da kommt die neue Vorauszahlung noch hinzu. Hartmut F. rätselt und hat neben den gestiegenen Preisen und einem wohl zu niedrig angesetzten Abschlag vor allem Gefrierschrank und Kühlschrank im Verdacht: „Die brummen schon ständig vor sich hin.“ Alte, gebrauchte Schätzchen sind es, aber für mehr reichte das immer zu knappe Hartz-IV-Geld nicht, als die Familie die geliehenen, guten Geräte an ihre Bekannten zurückgeben musste.
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Heiß muss die Suppe schon sein, damit sie schmeckt. Die gestiegenen Stromkosten müssen sich viele Familien mit ALG II vom Munde absparen. |
Im letzten Jahr hatte er sogar ein kleines Guthaben angesammelt. 20 Euro hatte er jeden Monat trotz knapper Kasse freiwillig mehr an die Stadtwerke gezahlt – vorsichtshalber und in der Hoffnung, am Ende des Jahres mit einem kleinen Plus herauszukommen. Das gelang, aber sein Sachbearbeiter bei der Arbeitsagentur war der Meinung, das müsse ihm vom ALG-II-Satz erst einmal als Guthaben abgezogen werden. Das Geld war wieder futsch – übrigens rechtswidrig nach Ansicht von Andreas Richelmann vom Allgemeinen Sozialen Dienst der Caritas Borken, aber so geschehen.
Jetzt steht es da schwarz auf weiß: Der Verbrauch ist enorm gestiegen im letzten Jahr und hat sich mit den Preisaufschlägen zu dieser Unglückssumme addiert. Das Amt hat die Nachzahlung als Darlehen gewährt. Damit ist die Frist gewahrt. Aber 80 Euro pro Monat zurückzahlen und dazu noch die 33 Euro mehr, um die der monatliche Abschlag für 2009 jetzt erhöht ist? „Das müssen wir uns vom Munde absparen“, sagt der knapp 40-jährige Familienvater. Wie – das ist das nächste Rätsel, für das ihm die Lösung noch fehlt.
Ein persönlich harter Schlag für Familie F., aber leider kein Einzelfall für Andreas Richelmann. Ständig kommen bei ihm am Jahresanfang Klienten vorbei mit ihren Abrechnungen. 500 oder 600 Euro Nachzahlungen sind der normale Schrecken, die höchste beziffert sich auf 1.800 Euro – bis jetzt. Die mehrfachen Preiserhöhungen im vergangenen Jahr hinterlassen tiefe Spuren.
Vorsorge durch Sparen wird Haushalten von Energieexperten empfohlen, sparsame Geräte kaufen zum Beispiel. Diese Empfehlung ist für Richelmanns Klienten ein Witz. Wovon sollten sie sie bezahlen? Die Sätze, die das Amt für die Erstausstattung gewährt, reichen für kein A-Gerät, geschweige denn für den besten technischen Stand A++. Damit aber schnappt die Kostenfalle schon zu. Pragmatischer rät der Caritas-Mitarbeiter den Familien zum Beispiel davon ab, überhaupt einen Gefrierschrank oder eine Kühltruhe zu nutzen: „Tiefkühlkost lässt sich viel günstiger dann kaufen, wenn sie direkt gebraucht wird.“ Da reiche ein Gefrierfach im Kühlschrank.
Das ist auch sein Rat an Hartmut F. Außerdem will er ihm mit einem Antrag bei der Aktion Lichtblicke zu einem neuen, energiesparenden Kühlschrank verhelfen. Jetzt zahlt Familie F. Monat für Monat 157 Euro und damit knapp 15 Prozent ihres Einkommens nur für Strom und Warmwasser. Mit der Darlehnsrückzahlung dazu ist es sogar fast ein Viertel. Die nächste Abrechnung muss deutlich geringer ausfallen.
Harald Westbeld
Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 2/09
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