Etwas mehr Respekt bitte

Menschen am Rande“ stehen 2009 im Mittelpunkt der Caritas-Kampagne

„Heizen oder kochen? Hartz-IV-Empfänger müssen sich entscheiden!“ Schlagzeilen, die bestätigen: Immer mehr Menschen wissen kaum noch, wie sie die alltäglichen Grundbedarfe des Lebens sicherstellen sollen. Tafeln, Suppenküchen und Kleiderkammern erleben einen wahren Boom – klare Zeichen für wachsende Armut und Not mitten in Deutschland.

Menschen, die in Armut leben, geraten leicht an den Rand. Sie finden keinen Zugang zu wichtigen Gütern des Lebens und zur Teilhabe daran (z. B. Bildung, Arbeit, Gesundheit, soziale Sicherung). Oft werden sie von Hilfen nicht oder nur schwer erreicht. Menschen am Rande haben selten mit nur einem Problem zu kämpfen. Sie stecken in persönlichen und sozialen Schwierigkeiten, die eng miteinander verflochten sind: Arbeitslosigkeit, Armut, Isolation und Vereinsamung, Überschuldung, Suchtmittelabhängigkeit und andere Erkrankungen, seelische Beeinträchtigungen, Straffälligkeit, Obdachlosigkeit. Ohne Hilfe wird es für viele nahezu ausweglos.

Die extremsten Formen von Armut und Ausgrenzung findet man bei Männern, Frauen und zunehmend auch Jugendlichen, die auf der Straße leben. Wohnungslose Menschen müssen einen täglichen Überlebenskampf meistern. Ihr Alltag ist geprägt vom kurzfristigen Suchen nach „Lösungen“: Essen beschaffen, Toilette finden, eine trockene Platte aufspüren, Pfandflaschen sammeln, Gewalterfahrungen wegstecken, Geld erbetteln. Behördengänge, Wärmestuben, Pfarrämter, Vereinsamung und Leere gehören dazu; Alkohol und Drogen sind nicht selten Wegbegleiter. Vergessen machen, benebelt sein und zugedröhnt – ein verheißungsvoller Zustand, wenn die Vergangenheit quält: zerrissene Familienbande, Schulden, das eigene Versagen.

Wohnungslos = chancenlos?
Und die Gesellschaft? Sie reagiert mit der ganzen Palette menschlichen Verhaltens: gedankenlos, verurteilend, hilfsbereit, ausgrenzend, mitleidig. In der öffentlichen Diskussion werden Obdachlosigkeit, Suchtkrankheit und Straffälligkeit gern als Ursache für soziale Randständigkeit fehlgedeutet und mit individuellen Schuldzuweisungen verbunden. Andere Faktoren, wie der Mangel an einfachen Arbeitsplätzen, sind wenig präsent. Menschen am Rande werden als unangenehm, bedrohlich und provozierend wahrgenommen. Weil es sehr schwierig sein kann, mit ihnen umzugehen, verbannt man Randgruppen vielerorts aus den Innenstädten, den Bahnhöfen, den glitzernden Einkaufsmeilen. Bürgerinnen und Bürgern bleiben so Unannehmlichkeiten erspart. Die Auseinandersetzung mit den Problemen wird delegiert – zum Beispiel an die Caritas.

Aus den Augen – aus dem Sinn?
Aufgabe der Caritas ist es aber, Menschen am Rande wieder in das Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. Menschen am Rande sind Bürgerinnen und Bürger, denen Grundrechte zustehen wie anderen auch. Üblicherweise gibt es wenig Berührungspunkte zwischen der bürgerlichen Mitte und Menschen am Rande. Und die Abgrenzung der Etablierten nimmt zu, genauso wie die der Menschen am Rande. Arme und Wohnungslose trauen sich als sogenannte „wartezimmeruntaugliche Patienten“ nicht zum Arzt; Haftentlassene erhalten mit dem Stigma des Vorbestraften keine Beschäftigung; vor dem Überschuldeten schreckt der Arbeitgeber wegen drohender Lohnpfändung zurück, und der trockene Alkoholiker erhält keine zweite Chance.
Doch in der Caritas der Kirche glauben wir daran: Als Ebenbild Gottes ist jeder Mensch geliebt und in seiner Würde geschützt. Jeder Mensch hat Anspruch auf Respekt und Teilhabe am Leben der Gemeinschaft. Deshalb will die Caritas die Begegnung und wenn nötig auch die Auseinandersetzung – mit Menschen am Rand und in der Mitte.

Das Fördern fordern
Caritasverbände, Fachverbände und Ordensgemeinschaften bieten in enger Abstimmung mit Kommunen und Landschaftsverbänden sehr gezielte Hilfen an. Hier werden Menschen akzeptiert, wie sie sind. Es wird nicht über Betroffene geredet, sondern gemeinsam mit ihnen geklärt, wie es weitergehen kann. Wer weiß schon, wie viel Fantasie, Kraft und Durchhaltevermögen Obdachlose im alltäglichen Überlebenskampf auf der Straße entwickeln? Und wie gut man diese Kompetenzen für einen Weg zurück ins bürgerliche Leben brauchen kann? Es bleibt eine Herausforderung an alle Helfenden, den Blick für die Hilfe zur Selbsthilfe zu behalten. Menschen am Rande brauchen Partner, Nachbarschaft und Heimat.

Nicht selten führt Armut aber zu Zwangsmobilität der Armen auf der Suche nach bedarfsgerechter Hilfe, zu einer Verschiebung von Armen zwischen den Städten und Kreisen. Mitunter wird im Sog des Forderns die gesetzliche Pflichtaufgabe des Förderns vergessen. Die Hartz-IV-Gesetzgebung hat den Blick auf den Menschen auf seine Verwertbarkeit am Arbeitsmarkt reduziert. Unsensibel, ja geradezu fahrlässig erscheint auch das Vorhaben, das Förderprogramm „Wohnungsnot vermeiden – dauerhaftes Wohnen sichern“ aus dem Landeshaushalt zu streichen. Menschen am Rande brauchen passgenaue Hilfsangebote, die sich vor Ort nicht von allein aufstellen. Das Land ist mit dafür verantwortlich, Hilfen für Wohnungslose zu gestalten – ideell wie finanziell.

Menschen in existenziellen Nöten brauchen und verdienen Solidarität. Die Caritas wird im Wahljahr 2009 das Fördern fordern. Sie wird mit ihrer Jahreskampagne Finger in Wunden legen und Wege aufzeigen – den Menschen zuliebe.


Dr. Frank Johannes Hensel ist Direktor des Diözesan-Caritasverbandes für das Erzbistum Köln und Vorsitzender des Arbeitsausschusses Armut und Sozialberichterstattung der LAG Freie Wohlfahrtspflege NRW.

 




Fakten

  • 132000 alleinstehende Wohnungslose gab es 2006 in Deutschland, schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Davon lebten rund 18000 ohne jede Unterkunft auf der Straße. Auch 122000 Väter, Mütter und Kinder verloren ihre eigene Wohnung und mussten auf Wohnraum ausweichen, den ihnen Städte und Gemeinden zur Verfügung stellten.
  • Suchtkrankheit ist weit verbreitet und in allen Bevölkerungsschichten anzutreffen. Nicht jeder und jede Süchtige gehört automatisch zu den „Menschen am Rande“. Bei Langzeiterkrankungen potenzieren sich die Auswirkungen der Sucht und führen zu einem Teufelskreis des persönlichen und sozialen Abstiegs.
  • 62 Prozent der Inhaftierten haben Schulden, und davon wiederum haben knapp 70 Prozent Probleme bei der Tilgung der Schulden. Die sozialen Netzwerke sind bei Inhaftierten (auch schon vor der Inhaftierung) signifikant schwächer ausgebaut und weniger tragfähig. Für ihre Familienangehörigen stellt die Inhaftierung eine hohe Belastung dar.

Bitte beachten Sie auch die Informationen des Deutschen Caritasverbandes zur Kampagne 2009:


Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 1/2009