Es wird eng
![]() |
| Foto: Andre Zelck |
Der Fach- und Führungskräftemangel kommt. In einigen Bereichen ist er schon da.
Von Bernhard Breuer und Michael Teichert
In den Einrichtungen der Alten-, Kranken und Behindertenhilfe fehlt zunehmend Pflegepersonal. Auch Ärztestellen in (katholischen) Krankenhäusern sind immer schwieriger zu besetzen. Fachkräfte in Kindertagesstätten sind rar. Darüber hinaus wird es in anderen Bereichen der sozialen Arbeit schwerer, gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden. Die Anzahl der Bewerberinnen und Bewerber sinkt.
„Hatten wir es noch vor wenigen Jahren mit 50 bis 80Bewerbungen bei einer Stelle als Sozialarbeiter zu tun, erreichen uns heute meistens nur noch zehn bis 15“, sagt Christoph Schwarte, Personalleiter des Diözesan-Caritasverbandes für das Erzbistum Köln. Forscht man nach den Ursachen für den Fach- und Führungskräftemangel, der zunehmend mehr Arbeitsfelder erreicht, findet man verschiedene Entwicklungen, die parallel laufen.
Demografische Entwicklung
Die Bevölkerungszahl insgesamt schrumpft, die nachfolgenden Geburtenjahrgänge werden zahlenmäßig geringer. Im Verhältnis dazu steigt die Zahl älterer Bevölkerungsgruppen, die Gesellschaft wird insgesamt älter. Daraus folgt, dass weniger junge Menschen auf den Arbeitsmarkt kommen. Daher wird es auch weniger junge Menschen geben, die soziale Berufe ergreifen. Das Erwerbspersonenpotenzial schrumpft und altert.
Aus der demografischen Entwicklung folgt weiter, dass es zunehmend mehr ältere Menschen als potenzielle „Empfänger“ sozialer Dienste gibt, natürlich auch und vor allem in der stationären und ambulanten Pflege. Dies bedeutet etwa im Pflegebereich: Weniger nachkommende Pflegekräfte treffen auf zunehmend mehr Pflegebedürftige. Die Schere geht weiter auf. 2007 wurden im Regierungsbezirk Köln rund 59700 Personen ambulant und stationär gepflegt – 2025 werden es voraussichtlich 90300 sein. Gleichzeitig nimmt die Zahl derer ab, die Pflegeberufe ergreifen.
Sozialpolitische Entwicklungen
Die Rahmenbedingungen sozialer Arbeit ändern sich. Qualitätsanforderungen in den Bereichen der sozialen Arbeit steigen. Sosehr eine hohe Qualität wünschenswert ist, führt dies jedoch auch zu zusätzlichen Belastungen für die Beschäftigten. Neben den Belastungen steigen die Anforderungen durch zunehmende administrative Erfordernisse (z.B. Dokumentationspflichten) und erforderliche betriebswirtschaftliche Kenntnisse.
Image sozialer Berufe
Das Image sozialer Berufe ist nicht überall positiv. Dies hat objektivierbare Gründe wie etwa die Bezahlung oder die tatsächlichen Belastungen im Beruf, überschaubare Karrieremöglichkeiten, aber auch „gefühlte“ Ursachen wie etwa den „Ruf“ eines Berufes, das Image. Pflegen ist nicht für alle in.
Was ist zu tun in dieser Situation, um die Arbeit der sozialen Dienste der Caritas für die Zukunft zu sichern? Es gilt, die Rahmenbedingungen in der Pflege zu verbessern, um den Beruf attraktiver zu machen. Zeitgleich müssen Information und Werbung für das Berufsfeld ausgeweitet werden. Zum Dritten muss die Ausbildung verbessert werden. Einige Beispiele:
- So hat der Caritasverband für die Stadt Köln e.V. das Projekt „CareWell – Starke Mitarbeiter für eine gute Pflege“ initialisiert. Zusammen mit verschiedenen relevanten Akteuren wie der Berufsgenossenschaft und Experten aus dem Pflegebereich geht es darum, ein ganzheitliches, präventives Gesundheitskonzept für Pflegekräfte zu entwickeln. Mitarbeitende und Führungskräfte werden in Workshops geschult und Gesundheitszirkel eingerichtet.
- Eine Arbeitsgruppe der Diözesan-Arbeitsgemeinschaft Altenhilfe und Pflege im Erzbistum Köln hat Maßnahmen der Personalentwicklung beschrieben, um geeignete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden, ihre Motivation für den Beruf und die Anbindung an den Dienstgeber zu erhalten und die Mitarbeitenden möglichst langfristig zu binden.
- Der Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln e.V. führt eine Studie durch, die das Ausmaß des Fach- und Führungskräftemangels beschreiben und Prognosen zur zukünftigen Entwicklung enthalten wird. Auf dieser Basis sollen Strategien gegen den Mangel an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entwickelt werden.
Zusammenarbeit von Freier Wohlfahrtspflege und (Fach-)Hochschulen

Foto: Andre Zelck
In Zusammenarbeit mit der Dekanekonferenz der Fachhochschulen NW arbeitet die Freie Wohlfahrtspflege derzeit aktiv im Projekt „Identität Soziale Arbeit in Studium und Beruf – Unterstützung der Berufs- und Studienwahl Soziale Arbeit“ mit, die Agentur für Arbeit ist ebenfalls als Projektpartner beteiligt.
Die Hochschulen brauchen geeignete Bewerberinnen und Bewerber – die Freie Wohlfahrtspflege benötigt gut ausgebildete und qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Noch kommen mehrere Bewerberinnen und Bewerber auf einen freien Studienplatz der Sozialen Arbeit/Sozialpädagogik – je nach Hochschule drei bis fünf.
Aber: Die Studiengänge der Fachbereiche Sozialwesen haben eine Abbrecherquote von durchschnittlich 20 Prozent. Das bedeutet, dass ein Fünftel der Studierenden eine Studienwahl getroffen hat, die sich als nicht tragfähig erweist. Die Folge sind hohe Ausbildungskosten, später Berufseinstieg und hohe Kosten für die berufliche Eingliederung.
Durch die Einführung der neuen Studienstrukturen (Bachelor-/Masterabschlüsse), verbunden mit dem Akkreditierungssystem, wird die Studienlandschaft unübersichtlich. Zusätzlicher Orientierungsbedarf bei der Studienwahl tut not.
Schon jetzt fühlt sich ein Drittel aller Studienbewerber in NRW unzureichend informiert. Die Studienbewerber nennen als größte Probleme im Wechsel von der Schule in die Hochschule: die unklare Berufsperspektive, die Unüberschaubarkeit der Möglichkeiten (was und wo), Unklarheit über die eigenen Fähigkeiten in Bezug zu den Anforderungen in der jeweiligen Fachrichtung, mangelnde Vorbereitung auf die Entscheidung usw. Untersuchungen zeigen, dass die existenten Angebote von den Studienbewerbern negativ beurteilt werden. Diese Negativbewertung ist u.a. darauf zurückzuführen, dass die Systeme (Schule, Agentur für Arbeit, Hochschule, Arbeitgeber) nicht aufeinander abgestimmt sind.
Ziel der Hochschulen und der zukünftigen Arbeitgeber – zu denen in hohem Maße die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege gehören – ist es, geeignete potenzielle Studierende anzusprechen und angemessen zu informieren, um damit „den Richtigen“ einen Zugang zum Studium der Sozialarbeit/Sozialpädagogik nahezubringen.
Vor diesem Hintergrund werden verschiedene Instrumente der Studien- und Berufsinformation entwickelt und verbunden, die die Berufsorientierung junger Menschen im Hinblick auf ein Studium der Sozialen Arbeit verbessern:
- Sozialpraktikum

Der Diözesan-Caritasverband Köln präsentiert sich seit 2006 mit einem Stand auf den Messen „Berufe live Rheinland“ und „Einstieg Abi“.
Foto: Caritas
Sozialpraktika finden in der Regel in den Klassen 8, 9 oder 10 statt und sind eine erste bedeutsame Basis für die Entscheidung, eine berufliche Tätigkeit in diesem Feld auszuschließen oder für möglich zu halten. Hier geht es um das konkrete Erleben und um das Ausprobieren sowie um das Erfahren eigener Interessen.
- Informationen über den Berufsalltag
„Soziale Arbeit“
Geeignete Informationen über den Berufsalltag „Soziale Arbeit“ werden über abrufbare Texte von ausgewählten Berufsvertreterinnen und -vertretern unterlegt und durch eine Auswahl von Originaltönen und Videoclips ermöglicht. Diese Texte, O-Töne und Videoclips werden im Internet bereitgestellt.
- Berufsinteresse/-eignung/Studierfähigkeit
In einem internetbasierten Selbst-Assessment haben Studieninteressierte die Möglichkeit, mehr über ihre Eignung für den Beruf und die auf sie zukommenden Herausforderungen zu erfahren. Zugleich erhalten sie Hinweise, wo und wann in ihrer Nähe die nächsten Beratungstermine stattfinden.
- Studien- und Berufswahlberatungsveranstaltungen
Auf der Basis des Feedback-Bogens zum Assessment finden Studieninformations- und -beratungsveranstaltungen an den Fachbereichen der Hochschulen in NRW statt, die „Soziale Arbeit“ als Studium anbieten.
Wer tut was?
Die Fachbereiche Sozialwesen der verschiedenen Hochschulen werden die erste Studieninformation gemeinsam sicherstellen. Dies signalisiert den Studieninteressenten, dass sie an dieser Stelle fair informiert werden.
Die Berufsorientierung kann nur gelingen, wenn die zukünftigen Arbeitgeber, hier die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege, einbezogen werden, vertreten durch die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege NW.
Die breitesten Informationen hält die Agentur für Arbeit bereit. Die Agentur für Arbeit übernimmt eine Koordinierungsfunktion.
Neu am Konzept ist, dass die Information und Beratung jetzt die Berufswirklichkeit integrieren: Bisher wurden lediglich Informationen über das Studium gegeben – jetzt kommt der Aspekt der Beratung hinzu. Des Weiteren kann eine Beratung im Gegensatz zu den bisherigen Studieninformationstagen auf der Basis der Informationen im Internet erfolgen. Die Interessenten bringen den ausgefüllten und kommentierten Assessment-Bogen mit und können gezielter und effektiver beraten werden.
![]() |
Bernhard Breuer, Dipl.-Psychologe mit den Schwerpunkten Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie, arbeitet als Referent für Personalentwicklung beim Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln e.V. |
![]() |
Michael Teichert, Dipl.-Sozialpädagoge, Supervisor und Organisationsberater, ist Fachreferent im Caritasverband für das Bistum Aachen. Dort leitet er das Institut für Beratung und Supervision. |
Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 3/2010





