Caritas in NRW

Digitale Assistenz

Sensoren für Senioren

Eine Pflegerin steht vor dem Terminal des Assistenzsystems "JUTTA" und nimmt bedient den TouchscreenÜber die „Infozentrale“ in der Ecke des Gemeinschaftsraums steuert Pflegedienstleiterin Silke Wieland-Römer Sensoren und aktiviert Rufsysteme und intelligente Schaltungen.Caritas/Christoph Grätz

Gut gelaunt schneidet Karin Sawatzki zusammen mit Alltagsbegleiterin Astrid Staub Paprika für den Gemüseauflauf heute Mittag. Im großen Gemeinschaftsraum der Demenz-WG, der mit Möbeln der Bewohner eingerichtet ist, wird jeden Tag frisch gekocht. Um den Herd in Gang zu setzen, muss man zunächst einen separat angebrachten Schalter betätigen. Der ist weiß mit einem durchsichtigen Ring in der Mitte. "Demenzerkrankte Menschen können sich nicht daran erinnern, dass sie erst den durchsichtigen Kreis drücken müssen, um dann kochen zu können", erklärt Pflegedienstleiterin Silke Wieland-Römer. Und falls doch mal jemand den Herd unkontrolliert in Gang setzt oder vergisst, ihn auszuschalten, ist Jutta zur Stelle.

Das Sozialwerk St. Georg mit Hauptsitz in Gelsenkirchen setzt seit 2016, als die Wohngemeinschaften in Neukirchen-Vluyn eröffnet wurden, auf diese smarte "Mitarbeiterin": Jederzeit Unterstützte Teilhabe durch Technische Assistenz, so lautet der vollständige Name. Jutta ist sensibel. Das System registriert mit Hilfe von Sensoren Hitze, Türöffnungen und Bewegungen.

Porträt: Heike PerszewskiHeike Perszewski, fachliche Gesamtleitung und Prokuristin der Sozialwerk St. Georg Niederrhein gGmbHCaritas/Christoph Grätz

Kehrt ein Bewohner nicht innerhalb von 30 Minuten zu seinem Bett zurück, bekommt die Nachtwache eine Nachricht aufs Telefon und kann sofort nachschauen. Es könnte ja sein, dass eine der alten Damen gestürzt ist. "Das gibt eine Menge Sicherheit", sagt Heike Perszewski, fachliche Gesamtleitung und Prokuristin der Sozialwerk St. Georg Niederrhein gGmbH. 24 Menschen mit Demenz leben in den drei Wohngemeinschaften im niederrheinischen Neukirchen-Vluyn, verteilt über drei Etagen. Klar, dass die Nachtwache nicht überall gleichzeitig sein kann.

"Überwachungsstaat, George Orwell": Heike Perszewski hat diesen Einwand schon einige Male gehört. Ihre Antwort: "Die Technik schränkt nicht ein, im Gegenteil. Mit ihrer Hilfe können sich die Menschen selbstbestimmt und frei bewegen. Dadurch erreichen wir eine höhere Lebensqualität für sie."

Jutta ist quasi unsichtbar. Die Sensoren befinden sich an Türen, unten am Bett und im Bad - nicht am Menschen. Die kleinen weißen Plastikkästchen fallen erst auf, wenn man genau hinschaut, ebenso wie der Bildschirm im Tablet-Format. Er hängt in einer Ecke des Gemeinschaftsraums und kann aktiviert werden, wenn man Informationen abrufen will. Informatiker der inHaus GmbH, eines Ablegers des Frauenhofer-Instituts, haben die nötige intelligente Software entwickelt. So geht ein Nachtlicht an, sobald die Füße über der Bettkante baumeln, oder ein Telefonanruf, der die Betreuer anfunkt, wenn ein Demenzkranker auf nächtliche Wanderschaft geht.

Jutta wird nur dann eingesetzt, wenn die Bewohner beziehungsweise ihre gesetzlichen Vertreter dies wollen. Die Daten, die Jutta aufzeichnet, sind nicht personalisiert. Es kommen keine Kameras zum Einsatz. "Da speichert jedes Smartphone mehr Daten ab", so Perszewski.

Bettsensor des Assistenzsystems "JUTTA", der an der an der Fernbedienung eines elektronischen Bettgestells angebracht istBettsensorCaritas/Christoph Grätz

Bewegungsmelder des Assistenzsystems "JUTTA"BewegungsmelderCaritas/Christoph Grätz

Herdautomatik des Assistenzsystems "JUTTA"HerdautomatikCaritas/Christoph Grätz


Telefonsensor des Assistenzsystems "JUTTA"TelefonsensorCaritas/Christoph Grätz


Sie betont, dass sie persönlich keineswegs besonders technikaffin sei. "Das ist auch gut so. Es sollte jemand kritisch hinterfragen." Denn technisch ist mittlerweile vieles machbar. Die Frage ist, ob das auch wünschenswert für den Menschen ist. "Die ethische Betrachtung der Anwendung von technischen Hilfsmitteln ist uns sehr wichtig." Kritisch betrachtet Perszewski zum Beispiel ein Experiment mit Alexa. Sollte die Sprachsteuerung aus der schwarzen Box Patienten demnächst daran erinnern, ihre Medikamente einzunehmen? Heike Perszewski gibt zu bedenken, dass eine Stimme aus dem Off Demenzkranke ziemlich erschrecken kann.

Eine Seniorin steht in einer Küche und schneidet auf einem Brett Paprika in kleine StückeKarin Sawatzki hat durch „JUTTA“ – „Jederzeit Unterstützte Teilhabe durch Technische Assistenz“ – Bewegungsfreiheit und mehr Selbstständigkeit erlangt – Sicherheit für mehr Lebensqualität.Caritas/Christoph Grätz

Jutta jedenfalls hat sich bewährt. "Selbst die Kollegen, die anfangs skeptisch waren, wollen nicht mehr darauf verzichten", sagt Pflegedienstleiterin Silke Wieland-Römer. Ein großer Vorteil: "Wir müssen nicht ständig die Intimsphäre der Bewohner stören." Jutta meldet schließlich zuverlässig, wenn sich jemand ungewöhnlich lange im Bad aufhält. Oder wenn jemand aus der WG plötzlich in aller Herrgottsfrühe vor der Ausgangstür steht.

Die Angehörigen der WG-Bewohner waren schnell von Jutta überzeugt. "Wir haben eigentlich gedacht, es gäbe Akzeptanz-Probleme. Das Gegenteil ist der Fall. Wer schon mal erlebt hat, wie die desorientierte Mutter von der Polizei nach Hause gebracht wurde, ist sicher froh über eine smarte Lösung, die eine solche Situation verhindert."

Zurzeit wird der Einsatz von Jutta in zwei Wohnungen getestet. Setzt man das System in Kombination mit einem ambulanten Pflegedienst ein, könnten alte Menschen länger zu Hause wohnen bleiben - ein Wunsch der allermeisten. Feuchtigkeitsmelder können Alarm schlagen, wenn die Badewanne überläuft, Sensoren am Kühlschrank Rückschlüsse über eine mangelnde Ernährung geben. Das sensorgesteuerte System gibt Sicherheit - den alten Menschen und ihren Angehörigen.

Gabriele Beautemps



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