Kommentar

Intressenvertretung 4.0

Digitalisierung verändert Meinungsbildung

Porträt: Sabine DepewSabine DepewNicole Cronauge

Sozialpolitische Interessenvertretung geschieht in Verbänden seit ihrer Entstehung in Gremien. Analog den Strukturen, die wir auch aus der Politik kennen, stimmen sich Menschen in Kommunen, Landes- und Bundes­arbeitsgemeinschaften ab und bearbeiten in Diskussionsprozessen wichtige Positionen.

Die Schnelllebigkeit der Zeit bewirkt jedoch - das macht uns die Politik vor -, dass politische Entscheidungsprozesse mittlerweile auch auf anderen Kanälen zustande kommen. Die amerikanischen Wahlkämpfe belegen das mit guten und schlechten Beispielen wie Wahlkämpfe überhaupt. Aber nicht nur das. Auch Koalitionsverhandlungen und Gesetzgebungsverfahren finden mittlerweile im Internet statt.

Es sei zum Beispiel an die Kinder- und Jugendhilfe­reform im Jahr 2016 erinnert. Damals stand eine große Reform des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (Sozialgesetzbuch VIII) auf der politischen Agenda. Das Gesetzgebungsverfahren rollte nicht im klassischen Sinne an, das heißt, es gab keinen "Referentenentwurf", der dann den Interessenverbänden hätte vorgelegt werden müssen. Es gab ein Diskussionspapier. Zu befürchten war, dass das Gesetz in einem Eilverfahren durchgesetzt würde, damit es noch in der aktuellen Legislaturperiode als Ergebnis gewertet würde. Ein Schnellschuss musste jedoch vermieden werden. Im Netz hatte sich eine Gruppe gefunden, die sich zügig zu den SGB-VIII-Reformen ausgetauscht hatte - ich hatte über die Knackpunkte des Vorhabens gebloggt -, und wir haben mit darauf hingewirkt, dass noch vor dem möglichen Referentenentwurf eine Einladung an die Interessenverbände ins Ministerium erfolgte und so das Gesetz in der Tragweite, die befürchtet wurde, verhindert werden konnte.

Aktuell gibt es eine Online-Fachdiskussion des Deutschen Vereins zum Thema Bundesteilhabegesetz (BTHG). Also in den Kanälen tut sich ganz schön was!

Wie sieht sie denn dann nun aus, die Lobbyarbeit 4.0? Sind die alten Gremien vollständig out? Nein, sind sie nicht. Sie sind neben einer Reihe anderer Maßnahmen wertvolle Instrumente. Aber die Meinungsbildung hat sich verändert. Auch in der klassischen Verbandsarbeit finden und fanden, genau wie in jeder Politik, Seitengespräche statt, die Meinungsbildung befördern. Meinungsbildungsprozesse finden daneben längst auch im Internet statt, und es ist hier sehr viel schneller möglich, sich zu vernetzen.

Dabei spielen die sozialen Netzwerke, Foren und Blogs eine zunehmend wichtiger werdende Rolle. Nicht nur der amerikanische Wahlkämpfer, auch die deutschen Politiker/-innen wissen mittlerweile um die Bedeutung von Twitter, wenn es um Kommunikation, Austausch von Papieren aus Koalitionsverhandlungen und Meinungsbildung geht. Aber nicht nur die Politik - unterm Strich tummeln sich die deutschen Intellektuellen aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft in diesem Netzwerk, weil es in Bezug auf Themen, Wissensmanagement und Kommunikation deutlich bessere Voraussetzungen als andere Netzwerke bietet und damit auch gerne für die Pressearbeit und den Fernsehjournalismus genutzt wird.

Menschen, die sich überwiegend außerhalb der digitalen sozialen Netzwerke bewegen, verpassen die Chance einer modernen digital sozialen Lobbyarbeit, die Wirkung entfaltet.

Lobbyarbeit 4.0 bedeutet einen Kulturbruch mit der bisherigen, klassischen Verbändearbeit und einen Paradigmenwechsel für die Zukunft der Verbändearbeit.

Sabine Depew
Vorstandsvorsitzende des Caritasverbandes für das Bistum Essen, Diözesan-Caritasdirektorin im Ruhrbistum und Herausgeberin von "caritas in NRW".

E-Mail: sabine.depew@caritas-essen.de
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