Caritas in NRW

Not sehen und handeln

Auf Leben und Tod

Eine zerstörte Siedlung mit ausgebrannten Gebäuden in SyrienWie Skelette ragen die ausgebrannten Betonruinen in den bombardierten Gebieten Syriens in den Himmel – hier eine Aufnahme vom September 2016. Froh sind die, die unverletzt fliehen konnten.Eddy Wessel für Caritas international

Als im September 2015 die ersten Flüchtlinge ins ostwestfälische Rietberg kamen, übernahm Vera Hilgenkamp von der Caritas-Konferenz der St.-Laurentius-Gemeinde die Koordination der ehrenamtlichen Hilfe für den Ortsteil Westerwiehe. Was dann kam, war eine Geschichte, die Stoff für einen Thriller bietet, eine Geschichte auf Leben und Tod, aber auch eine Geschichte, die ein Happy End hat, weil viele Menschen ganz unkompliziert handelten. Vera Hilgenkamp erzählt diese Geschichte heute, über zwei Jahre später, so:

"Unter den Flüchtlingen, die in der Sporthalle lebten, war auch Redwan Houdi aus Syrien. Durch meine Dolmetscher erfuhr ich, dass der Mann seine Frau und sieben Kinder in der Türkei zurückgelassen hatte, weil die weitere Flucht zu gefährlich war. Sein Haus ist von einer Bombe getroffen worden. Die Tochter Ghufran war allein in der Küche und ist schwer verbrannt worden. Von seinem letzten Geld hatte er sie in Syrien operieren lassen. Das ist nur notdürftig gemacht worden. Das Mädchen war total entstellt. Die vielen Narben im Gesicht und am Hals waren so verhärtet, dass sie immer schlechter und nur unter großen Schmerzen essen konnte. Zuerst noch mit dem Esslöffel, am Schluss nur noch mit dem Strohhalm. Sie drohte langsam, aber sicher zu verhungern und wurde immer schwächer.

Ich traf den Vater oft bei meinen Dolmetschern und bekam das Weinen der Frau und der Kinder, wenn er mit ihnen telefonierte, hautnah mit. Auch er war völlig verzweifelt. Es gab in der Türkei keine Chance, Ghufran zu retten. Man wollte in der Klinik 25000 Euro Vorauszahlung haben, sonst könne man leider nichts für Flüchtlinge tun. Das Geld hatte die Familie nicht. Deshalb habe ich mich entschlossen, den heimischen Landtagsabgeordneten André Kuper (Anmerkung d. Red.: heute Landtagspräsident) um Hilfe zu bitten. Herr Kuper war auch damals für Flüchtlingsfragen zuständig. Er hat mir sofort Hilfe zugesagt, aber auch betont, dass es manch dickes Brett zu bohren gilt. Er hat Wort gehalten, ist trotz seiner vielen Arbeit und Termine drangeblieben und hat es geschafft, dass die Familie am 9. Juni 2016 ausreisen durfte. Die Zeit lief uns davon, Ghufran wurde immer schwächer.

Schon am 10. Juni hatte Ghufran einen Termin in der Spezialklinik Münster-Hornheide. Dieser Sondertermin kam auch nur zustande durch den Einsatz von Prof. Andrea Kaimann aus Westerwiehe mit Empfehlung von Professor Ludwig Pippig, dem früheren Leiter des Städtischen Klinikums Gütersloh. Professor Pippig ist leider vor wenigen Monaten verstorben. Zum Glück war der Vater von Ghufran als anerkannter Flüchtling auch krankenversichert, als die Familie am 9. Juni eintraf. Es wurden alle Familienmitglieder noch am gleichen Tag familienversichert. Die AOK-Geschäftsführung hat mir großzügig und unkompliziert sofort die Übernahme aller Behandlungskosten für Ghufran zugesagt.

Gruppenfoto mit André Kuper, Vera Hilgenkamp und neun Mitgliedern (Eltern, fünf Mädchen und zwei Jungen) der Familie Houdi aus SyrienAndré Kuper (Mitte), heutiger NRW-Landtagspräsident, war an der Rettung des durch Brandbomben schwer verletzten syrischen Mädchens Ghufran Houdi (ganz rechts) entscheidend beteiligt. Das Foto zeigt die Familie Houdi gemeinsam mit ihrer ehrenamtlichen Betreuerin Vera Hilgenkamp, Mitarbeiterin der Caritas-Konferenz inPrivat

Zuerst wurde sie an Hals und Mund operiert, damit sie wieder essen konnte. Inzwischen hat sie ihre neunte Operation hinter sich und trägt zu Hause und auch nachts extra angefertigte Silikonmasken und Silikonmanschetten, damit die Narben weich werden. Sie hat mehrere Hautverpflanzungen bekommen. Der linke Arm war steif und sah aus wie vertrocknet. Die Armbeuge wurde durchtrennt und ein Schwamm eingesetzt, der eingewachsen ist, so dass sie den Arm wieder bewegen kann. Anschließend bekam sie eine Hautverpflanzung auf den Arm. Es ist ein langer Weg für sie, den sie tapfer geht.

Von dem Geld, das ich aus dem Flüchtlingsfonds des Erzbistums Paderborn erhielt, wurden 25 Fahrten nach Hornheide mit Dolmetscher bezahlt. Auch bei der Einrichtung der Wohnung mit gebrauchten Möbeln und der Beschaffung von gebrauchten Fahrrädern usw. konnten wir helfen. Die Flugkosten von 700 Euro wurden teilweise von der Caritas-Konferenz St. Laurentius Westerwiehe übernommen, ebenso die Visagebühren in Höhe von 270 Euro. Finanzielle Unterstützung kam auch von den anderen Caritas-Konferenzen in Rietberg sowie vom Deutschen Caritasverband und vom Diözesan-Caritasverband Paderborn. Auch die Vermieterin war sehr großzügig, so dass die Wohnung komplett eingerichtet wurde und keine großen Anschaffungen mehr anstehen.

Seit August 2017 geht Ghufran mit ihrer Schwester zur Hauptschule nach Mastholte. Vorher wurde sie einmal in der Woche von einer Lehrerin zu Hause unterrichtet. Die Lehrer sind sehr zufrieden mit ihr. Sie lernt gut, und die Kinder akzeptieren sie so, wie sie heute aussieht. Ich bin froh, dass sie diesen Schritt gemacht hat. Dass es nicht wieder so wird wie früher, hatte man ihr sofort in Hornheide gesagt, aber viel, viel besser. Es wird auch noch mit jeder Behandlung im Gesicht besser. Ich mache ihr immer wieder Mut, und die ganze Familie ist glücklich, dass für Ghufran das Leben wieder lebenswert ist.

Viele Menschen waren an dieser Rettungsaktion beteiligt. Alle haben geholfen, die wir um Hilfe baten. Es gibt sie noch, Menschlichkeit in dieser Gesellschaft!"

Vera Hilgenkamp



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