Kochen mit Verstand

Die Kochkurs-Teilnehmerinnen Tatjana Gezel, Marta Storck, Svetlana Weber und Irina Patzeva (von links)
Fotos: Rößmann

 

 

 

Ein Caritas-Kochkurs hilft bedürftigen Familien, sich sparsam und gesund zu ernähren

Die ehrenamtliche Köchin Birgit Bambeck lässt vorsichtig ein rohes Ei in kochendes Essigwasser gleiten. In der Küche des Bürener Don-Bosco-Kindergartens duftet es nach geschmolzenem Käse und gebackenem Speck. Neun Frauen flitzen um die Herdplatten, schnippeln Äpfel, rühren Teig an und tauschen in gebrochenem Deutsch Kochtipps aus.

Einfache Zutaten - außergewöhnliche Rezepte. Unter diesem Motto zeigen die Ehrenamtlichen heute, was man alles aus Eiern zaubern kann. Der Kochkurs wird vom Caritasverband im Dekanat Büren angeboten. Birgit Bambeck verteilt Zettel mit den Zutaten für Spiegeleier in einer Auflaufform, Apfelpfannkuchen und pochierte Eier auf Toast. Eier werden in den Essensausgaben der Caritas häufig ausgeteilt. Daher stammt die Idee für den Kochkurs. Etwa 80 Prozent der Kochkursteilnehmer bekommen ihr Essen in der hiesigen "Speisenkammer", einer Einrichtung für Bedürftige.

Ländliche Gegenden wie Büren stehen nicht unter Generalverdacht, soziale Brennpunkte oder Zonen der

 
 
 

Aus Eiern kann man leckere Speisen zaubern, Fallobst ist günstig und gesund. Aber Sparen will gelernt sein und die
richtige Organisation steht am Anfang.
 

Massenarbeitslosigkeit zu bilden. Auch Brigitte Badke vom Caritasverband vermutete zunächst, dass in dem 22000-Seelen-Städtchen in Ostwestfalen-Lippe gar kein Bedarf für eine Tafel besteht: "Ich habe mich gründlich getäuscht." Denn auch hier gibt es Arbeitslosigkeit: Im ländlichen Büren ist die Arbeitsvermittlung schwer. Arbeitslosengeldempfänger können sich oft keinen Führerschein leisten, nach dem bei einer Einstellung wegen der weiten Anfahrtswege häufig gefragt wird. Als die "Speisenkammer" im September 2006 eröffnet wurde, kamen 30 Personen, um für sich und ihre Familien Brot und Gemüse abzuholen. Bei der letzten Ausgabe waren es 130. "Jede Woche melden sich Neue an", erklärt die Koordinatorin.

Die Mitarbeiter der "Speisenkammer" bemerkten nach der Eröffnung Probleme bei den Abnehmern: Manch ein Bedürftiger wusste nicht, dass man aus Fallobst noch frisches Apfelmus stampfen oder dass man Sellerie wie ein Schnitzel panieren kann, um das Gemüse in größeren Mengen zu genießen. Auch wie man einen Kohlkopf auseinandernimmt, war vielen Abholern nicht geläufig. Eine aktuelle Studie des Forschungsinstitutes für Kinderernährung besagt, dass das Arbeitslosengeld II zu gering ist, um Jugendliche ausgewogen zu ernähren, und unterstreicht das Problem. Die Idee eines Kochkurses war geboren, in dem mit wenig Geld regelmäßige Mahlzeiten zubereitet werden.

Beim Kochen geben die Caritas-Mitarbeiterinnen den Teilnehmerinnen immer wieder Spartipps. Die Ehrenamtliche Veronika Wördehoff hat für Pfannkuchen Fallobst vom Bauern mitgebracht: "Die Äpfel sind erst gestern vom Baum gekommen und noch ganz frisch", versichert die Bürenerin. Im Eierkuchen oder als Apfelmus schmeckt das Kernobst auch mit Beulen. Und noch ein Tipp: "Erhitzt das Wasser im Wasserkocher statt im Kochtopf, dann spart ihr richtig Energie." 

Mehrmals trafen die Ehrenamtlichen des Kochkurses eine Ernährungswissenschaftlerin, deren Tipps zum gesunden Sparen sie jetzt an die Teilnehmer weitergeben: "Selber kochen statt fertig kaufen ist fast immer günstiger", versichert Birgit Bambeck. "Wir kochen für bis zu zwölf Personen immer unter 15 Euro." Das Geld für die Zutaten des Kurses kommt aus Caritas-Spenden.

Die  Kochkurs-Leiterinnen sind einfallsreich und praxisorientiert: Als zum Sankt-Martins-Tag auch die Kinder der Kochkurs-Teilnehmerinnen Stutenkerle naschen sollten, die Hefepuppen aber beim Bäcker pro Stück 1,40 Euro kosteten, zeigten sie, wie es günstiger geht: "Für das Geld haben wir hier im Kurs acht Stutenkerle selber gebacken", erzählt Birgit Bambeck begeistert. In der Essensausgabe gibt es oft große Mengen an übrig gebliebenem Brot. Deshalb kreierten die Frauen Brotsuppe, Brotauflauf und zum Nachtisch "arme Ritter" aus Weißbrot und Ei. Bis Weihnachten wollen Birgit Bambeck und ihre Kolleginnen ein Kochbuch mit den preiswerten Gerichten aus der Caritas-Küche veröffentlichen, um auch in Zukunft noch Kochgeräte zu kaufen und Küchen mieten zu können.

"Es muss günstig und schmackhaft sein", bekräftigt die Äpfel schneidende Teilnehmerin Erna Wolf das Credo der Kochkurs-Anbieter. Die Deutschlehrerin unterrichtet seit zwölf Jahren für Spätaussiedler und Einwanderer im ostwestfälischen Büren. Dieses Mal sind die Kochkurs-Teilnehmerinnen allesamt ihre Schülerinnen: "Das letzte Mal waren mein Sprachkurs und der Kochkurs im selben Pfarrheim, und wir haben jeden Mittag die leckersten Mahlzeiten gerochen - da haben wir uns alle angemeldet", lacht sie. Erna Wolf kennt die Probleme der Menschen, die aus Russland nach Deutschland kommen, um ihre zerrissenen Familien zusammenzuführen, aus eigener Erfahrung: "Auch für Akademiker ist das schwer, weil ihr Abschluss hier oft nicht anerkannt wird und dann der Fall in die Armut droht." Ebenso ist die anfängliche Sprachbarriere ein großes Einstellungshindernis.

Tatjana Gezel mischt Pilze und Mais zu einem Rohkostsalat. Die leise sprechende Frau kommt aus der sibirischen Stadt Türnen und lebt seit fast zwei Jahren in Deutschland: "Ich bin ledig und habe erst wenig Kontakte hier. " Die lebhafte Dominikanerin Marta Storck holt Tatjana freundlich, aber bestimmt aus der Küchenecke in die Mitte der Frauen: "Wir brauchen dich hier. Wirf du mal bitte die Apfelscheiben in die Pfanne."
Nach dem schmackhaften Eier-Schmaus hilft Elke Kolthoff den Teilnehmerinnen auch beim Abwasch. Die alleinerziehende Mutter ist ausgebildete Köchin, findet aber keine Stelle, weil sie wegen der fehlenden Betreuung ihrer jungen Töchter über Mittag nicht arbeiten kann: "Ich will aber nicht nur zu Hause bleiben." Deshalb bringt sie den Frauen im Caritas-Kurs ehrenamtlich neue Rezepte bei.  Die letzten Eiersandwichs werden in Alufolie gepackt - gespült wird per Hand; bis zuletzt sparen die Frauen an Essen und Strom. Elke Kolthoff muss ihre Töchter vom Kindergarten abholen und winkt den Frauen in der aufgeräumten Küche zu: "Hier werde ich gebraucht. Das Gefühl ist mit keinem Geld der Welt zu bezahlen", sagt sie leise.

Jan Rößmann

Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 4/07