Den Haushalt meistern

Ein Haushaltsorganisationstraining führt zu gut organisiertem Familienleben

Es hat wieder Streit gegeben. Tanja ist mit ihrem acht Monate alten Sohn Pascal allein in ihrer Wohnung, ihr Partner erst einmal ausgezogen. Aber das ist nicht das erste Mal. Fast immer geht der Streit ums Geld. ALG II ist knapp und Tanja gerade 17, mit Kind und Haushalt und Beziehungsstress überfordert. Die Caritas Herten hilft ihr mit einem Haushaltsorganisationstraining, kurz HOT.

Tanja sei stark und dabei, sich in kleinen Schritten vorzuarbeiten, sagt Bärbel Timmermann, die Tanja als

Haushaltsorganisationstraining: gemeinsam Ziele und Schritte vereinbaren und überprüfen
Foto: Westbeld

Familienpflegerin im Rahmen des HOT seit einigen Monaten begleitet. Was das Erreichen von Zielen angeht, sind die beiden nicht immer einer Meinung. Tanja sagt, dass sie sich oft hohe Ziele setzt und dann traurig ist, wenn sie es nicht schafft. Bärbel Timmermann sieht das positiver. Sie setze auch schon anspruchsvolle Vorhaben in die Tat um. Zum Beispiel die Sache mit der Taufe: Pascals Vater stammt aus Nigeria, und zusammen haben sie erreicht, dass bei der Taufe ihres Sohnes seine religiösen Rituale mit denen der katholischen Kirche verbunden werden. Und Tanja hat jetzt selbstständig einen Termin in der Ehe- und Familienberatung vereinbart, um ihre Partnerprobleme anzugehen.

HOT ist ein vor wenigen Jahren entwickeltes Angebot der Familienpflege, geboren aus der Erkenntnis, dass es immer mehr sehr junge und sozial benachteiligte Familien gibt, die mit der Organisation ihres Haushalts und der  Erziehung der Kinder überfordert sind. Mangelndes Geld durch Arbeitslosigkeit oder zu niedriges und unregelmäßiges Einkommen spielt fast immer eine Rolle, Unkenntnis über Arbeiten im Haushalt, angefangen beim Wäschewaschen übers Putzen bis zum Kochen, kommt hinzu.

Ursprünglich kam die Familienpflegerin ins Haus, wenn ein Elternteil erkrankte und Kinder zu versorgen waren. Beim Haushaltsorganisationstraining ist nicht Krankheit, sondern Überlastung der Anlass, und die Familienpflegerin bleibt länger in der Familie. Mary Ruhmöller, ebenfalls Caritas-Familienpflegerin, beobachtet "eine erschreckende Entwicklung in den letzten 20 Jahren". Unter anderem nähmen die psychischen Erkrankungen von Müttern deutlich zu. Wenn denen dann alles über den Kopf wächst, Geld-, Partner- und Erziehungsprobleme gleichzeitig auftreten, "bleiben die Briefe zu und wird die Wäsche nur noch in die Ecke geschoben", beobachtet Ruhmöller.

Den Alltag meistern
"Früher", berichtet Bärbel Timmermann, "ist dann die Familienpflegerin hingegangen, hat aufgeräumt und gewaschen." Im Haushaltsorganisationstraining läuft das anders: Familie und Caritas-Mitarbeiter setzen sich an einen Tisch und schauen sich die Situation gemeinsam an. Sie vereinbaren Ziele und die Schritte dorthin und überprüfen, ob die beim letzten Mal vereinbarten Ziele erreicht sind. "Da passiert nichts, was nicht mit der Familie besprochen worden ist", sagt Timmermann.

HOT hat einen deutlich pädagogischen Ansatz und ist praktisch eine Zwischenstufe zwischen Familienpflege und Sozialpädagogischer Familienhilfe. Die ist in schwierigen Situationen zuweilen mit im Boot. Manchmal mehrere Jahre begleiten die HOT-Mitarbeiterinnen ihre Familien und können meist mit gutem Gefühl den Einsatz beenden. Bei Tanja ist Bärbel Timmermann optimistisch. Wenn wieder etwas Ruhe eingekehrt ist, will sie im nächsten Schritt ihren Hauptschulabschluss nachmachen.

Aber es gelingt nicht immer. "Manchmal hilft es nichts, dann muss notfalls auch das Jugendamt die Kinder aus der Familie herausnehmen", erklärt Mary Ruhmöller. Eine harte Entscheidung, die sich niemand leicht mache. Deswegen wird alles getan, um diese Gefahr im Vorfeld abzuwenden.

Die Hertener haben dafür in diesem Jahr das Projekt "Den Alltag meistern" gestartet. Tanja war eine der Teilnehmerinnen, die an sechs Tagen einen "Grundkurs Haushalt" absolviert haben. Alle Teilnehmerinnen zwischen 17 und 38 Jahren leben von Arbeitslosengeld II, alle müssen deshalb knapp rechnen, und fast alle hatten Probleme mit ihren Kindern. Ganz praktisch haben sich die Seminartage mit der Planung des Haushaltsgelds, gesunder Ernährung und konsequenter Erziehung beschäftigt. Am letzten Tag ist die Gruppe durch Herten gezogen, um zum Beispiel die sozialen Einkaufsmöglichkeiten kennen zu lernen, die die Caritas anbietet, oder vom Hertenpass, dem Sozialausweis der Stadt, zu erfahren.

Schon diese wenigen Tage haben für nachhaltige Veränderungen ausgereicht. Nicht nur dass die Kontakte untereinander weiter bestehen bleiben und man sich gegenseitig hilft, sondern auch ganz konkret zum Beispiel im Umgang mit den Kindern. Eine Mutter berichtete den Familienpflegerinnen, dass sie es erstmals geschafft habe, ihrem Kind vor dem Einschlafen ein Buch vorzulesen, und dies auch durchhalte.

Tanja ist stark und sehr motiviert
Was die Eltern lernen, färbt auf die Kinder ab. So ein Beispiel hat Bärbel Timmermann erlebt. Mit der Mutter hatte sie es geschafft, dass das Wohnzimmer aufgeräumt wird. Das Kinderzimmer blieb allerdings chaotisch. Im Ferienlager aber gewann die Tochter den Preis für das ordentlichste Zimmer. Darin besteht auch ihre Hoffnung: "Ich glaube, dass die Kinder es später anders machen werden, weil sie erfahren haben, es gibt eine Lösung", ist sich auch Mary Ruhmöller sicher.

Auch Tanja hat das Projekt "Den Alltag meistern" in vielfacher Hinsicht gutgetan. Neben dem praktischen Wissen hat sie gelernt, sich in der Gruppe zu äußern. Bärbel Timmermann ist zuversichtlich, dass sie ihren Weg gehen wird. Sie sei stark und sehr motiviert. Ihr Partner hat jetzt Aussicht auf eine Stelle. Dann könnte es Entspannung geben beim ewigen Streitthema Geld.

Harald Westbeld

Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 4/07