Tests: Mängel dürfen nicht zu Lasten von Kindern gehen!
Caritas kritisiert mangelnde Sorgfalt im Vorfeld und überhöhten Zeitdruck bei Testverfahren „Sprachstand 4"
Von Heinz-Josef Kessmann
Mit großer Verwunderung wurden in den letzten Wochen in ganz Nordrhein-Westfalen die Ergebnisse der ersten Stufe der Sprachstandserhebung für Kinder im Alter von vier Jahren zur Kenntnis genommen: In vielen Tageseinrichtungen muss sich jedes dritte Kind in der zweiten Stufe einer erneuten Prüfung unterziehen, um den möglichen Sprachförderbedarf zu klären. In Teilen der Einrichtungen sind die Prozentzahlen der Kinder, deren Sprachfähigkeiten im ersten Anlauf nicht reichten, sogar noch deutlich höher; einzelne Einrichtungen berichten sogar, dass kein einziges Kind den Sprachtest geschafft habe.
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Jedes zweite vierjährige Kind (53 Prozent von rund 180.000 Kindern) muss nach Angaben der Landesregierung an der zweiten Stufe der Sprachstandsfeststellung teilnehmen. Die Zahl setzt sich zusammen aus 62.000 Kindern, deren Sprachfähigkeit in der ersten Stufe nicht ausreichend ermittelt werden konnte, und 33.000 Kindern, die an der ersten Stufe nicht teilgenommen haben. |
Festzuhalten bleibt, dass nach Einführung der verpflichtenden Sprachstandserhebung für alle Vierjährigen durch das neue Schulgesetz die benötigten Testinstrumente erst noch entwickelt werden mussten. Der Zeitraum bis zur ersten landesweiten Erhebung war äußerst knapp bemessen, eine Erprobung war nicht vorgesehen. Durch diese übereilte Einführung des Sprachtests „Delfin 4" – so der Name des Instruments für die erste Testphase – blieb meiner Meinung nach viel zu wenig Zeit für eine umfangreiche Validierung und Überprüfung des Instruments an einer sorgfältig ausgewählten Kontrollgruppe. Viele Lehrerinnen und Lehrer, die mit der Durchführung betraut waren, weisen außerdem darauf hin, dass sie keine ausreichende Unterweisung und Einarbeitung in das Verfahren erhalten hätten. Auch auf die Einheitlichkeit der Bedingungen, unter denen der Test durchgeführt wurde, konnte unter dem Zeitdruck nur wenig Sorgfalt verwandt werden: Teilweise waren die Testmaterialien bereits vorher bekannt und es wurde regelrecht geübt, in anderen Fällen lagen die Materialien erst kurz vor der Durchführung vor. Auch die Tageszeit, zu der die Erhebung durchgeführt wurde, ist sicherlich nicht ohne Auswirkung auf das Ergebnis: In der Mittagspause, nach einem anstrengenden Vormittag im Kindergarten, sind vierjährige Kinder eben weniger gut ansprechbar als zu anderen Tageszeiten. Diese Argumente ließen sich jetzt weiter fortführen, insgesamt wird aber deutlich, dass die Aussagekraft der Testergebnisse in ihrer Gesamtheit durch das übereilte Verfahren eingeschränkt wird. Die Ergebnisse sagen also mehr über den Test selbst und seine Durchführung aus als über das tatsächliche Sprachpotenzial der vierjährigen Kinder in Nordrhein-Westfalen.
Sowohl im Bereich der Wissenschaft als auch bei den Praktikern der Kinder- und Jugendhilfe ist das Vorhaben der Landesregierung, flächendeckend bei allen Kindern den Bedarf an Sprachförderung zu erheben, auf allgemeine Zustimmung gestoßen. Auch die Freie Wohlfahrtspflege hat dieses Ziel ausdrücklich begrüßt und Mitwirkungsbereitschaft signalisiert. Aufgrund der mangelhaften Durchführung dieser ersten Testreihe werden kritische Fragen jedoch deutlich zunehmen. Dabei werden sich die Vertreter des jetzt gewählten Verfahrens auch mit grundsätzlicheren Fragen auseinandersetzen müssen, die z. B. aus dem Bereich der Frühkindpädagogik oder auch von den Verbänden der Kinder- und Jugendärzte gestellt werden: Findet der Sprachtest im richtigen Alter statt oder sind nicht gerade Vierjährige in ihrer Mitwirkungsbereitschaft sehr stark von externen Bedingungen abhängig? Wie will der Test zwischen normalen Entwicklungsverzögerungen und krankheitsbedingten Sprachmängeln unterscheiden?
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| Spiderrman hat alle Chancen, klug und gewandt zu werden, wenn er richtig gefördert wird. In NRW will das Land bei Bedarf 340 Euro pro Kind und Jahr für eine zusätzliche Sprachförderung zahlen. |
Nun könnte man das Gesamte damit abtun, dass man die aufgetretenen Mängel auf die erstmalige Durchführung zurückführt und darauf setzt, dass beim zweiten Mal alles besser läuft. Ich bin sehr dafür, alles dafür zu tun, die Durchführung zu verbessern. Mit Blick auf die erste Durchführungsphase muss jedoch sehr deutlich kritisiert werden, dass hier aufgrund mangelnder Sorgfalt im Vorfeld und überhöhten Zeitdrucks vielen Kindern ganz unnötigerweise – mit allen psychischen Folgen – der Eindruck vermittelt wurde, den ersten wichtigen Test im Leben nicht geschafft zu haben. Und wie wichtig die Sprachstandserhebung genommen wurde, macht die öffentliche Reaktion auf die Ergebnisse ja nur allzu deutlich.
Heinz-Josef Kessmann ist Diözesan-Caritasdirektor im Bistum Münster und Vorsitzender des LAG-Ausschusses „Tageseinrichtungen für Kinder".












