Kultur-Schock hat Nachteile
Warum die Caritas der Ukraine auf Erholung für Tschernobyl-Kinder im eigenen Land setzt
Die Kinder von Tschernobyl brauchen Erholung, medizinische und pädagogische Betreuung. Deswegen haben die Diözesan-Caritasverbände in NRW mit Unterstützung von Renovabis ein Feriendorf in den ukrainischen Karpaten errichtet, unterhalten wird es heute von der ukrainisch-katholischen "Caritas- Spes". Warum Erholung und Rehabilitation im eigenen Land sinnvoller sind als im westlichen Ausland, begründet die "Caritas-Spes" so:
Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 hatte in der Ukraine eine rapide Steigerung der Kindererkrankungen zur Folge. Betroffen sind Herz und Kreislauf, Lunge, der Magen-Darm-Bereich sowie das Immunsystem. Die Häufigkeit von Schilddrüsenkrebs, auch im ganz frühen Alter, hat dramatisch zugenommen. Die westlichen Länder blieben angesichts der ukrainischen Tragödie nicht gleichgültig und haben sofort ihre Unterstützung angeboten, unter anderem im Bereich der Gesundung und Rehabilitierung von Kindern insbesondere aus sozial benachteiligten Familien. Diese Hilfe geschah in Kooperation mit vielen ukrainischen Wohlfahrtsvereinen. Obwohl einzelne Aktionen schon Ende der 80er Jahre verliefen, kann man das Jahr 1990 als Beginn der regulären Arbeit bezeichnen. Damals reisten Kindergruppen nach West- und Mitteleuropa, nur wenige erholten sich in der Ukraine. Diese Praxis hatte ihre Stärken und positiven Seiten, aber auch ihre Nachteile.
Als vorteilhaft für die Kinder erwiesen sich
- persönliche Kontakte zu den Menschen im Ausland,
- Bekanntschaft mit anderen Kulturen,
- Gefühle der Gastfreundschaft und Herzlichkeit,
- massive materielle Hilfe,
- die Möglichkeit zu qualitativer medizinischer Untersuchung,
- Diagnostik und späterer Behandlung,
- Förderung des Interesses an Fremdsprachen und
Fremdsprachenkurse.
Aber auch Schwierigkeiten und Probleme traten auf, zuvorderst Visaprobleme und hohe Transportkosten. Zudem sind die Organisatoren in hohem Grade von der ukrainischen Bürokratie abhängig. Wiederholt ist es vorgekommen, dass dabei die Beamten ihre eigenen Kinder oder die Kinder ihrer Verwandten, die gar nicht arm sind, den Organisationen aufgezwungen haben. Wer sich dagegen wehrte, erhielt garantiert neue bürokratische Hürden. Die Präsenz dieser "aufgezwungenen" Kinder in den Gruppen ist für deren Eltern eine einträgliche Geldquelle.
Auch kann die Erholung im Ausland nur eine relativ geringe Anzahl von Kindern in Anspruch nehmen. Dabei sind die Gesamtkosten für ein Kind etwa genauso hoch wie die Kosten für die Gesundung und Rehabilitierung von zehn Kindern in der Ukraine.
Psychologische und sprachliche Barrieren für Kinder sowie ein "Kulturschock" lassen sich in den meisten Fällen nicht vermeiden für solche Kinder, die aus der Armut einfach in den Wohlstand versetzt werden. Am schlimmsten ist es, wenn die Kinder diesen Wohlstand mit Neid beobachten. Sie haben keine Vorstellung, wie die Menschen durch ihre alltägliche Arbeit diesen Wohlstand schaffen. Für solche Kinder, die in einer verantwortungslosen Umgebung ohne ein Gefühl für Arbeit aufwachsen, ist es ziemlich schädlich, nur die materiellen Früchte eine Zeit lang zu genießen. Sie können nicht begreifen, dass es auf dieser Welt nichts gibt, das einem einfach nur in den Schoß fällt.
Die Kinder erleiden einen ernsthaften psychologischen Schock nach der Rückkehr in die Heimat, in den grauen Alltag. Sie beginnen alles zu vergleichen.
Diese Überlegungen haben uns als Caritas-Spes allmählich zur festen Überzeugung geführt, dass wir diesen Hilfebereich umgestalten müssen und vor allem hier in der Ukraine Akzente setzen sollen. Diese Auffassung wurde von unseren Partnern in Deutschland unterstützt, insbesondere als man 1994 mit der Errichtung des Kinderdorfes in Jablunitsa (in den Karpaten) begonnen hat. Dieses Rehabilitationszentrum wurde dank finanzieller Unterstützung unserer Förderer - Renovabis, Deutscher Caritasverband, Diözesan-Caritasverbände Aachen, Essen, Paderborn, Münster sowie sogar einiger Privatsponsoren - gebaut.
Die Idee der Gesundung und Rehabilitierung der Kinder in der Ukraine hat sich als richtig erwiesen. Heutzutage besitzt allein Caritas-Spes der römisch-katholischen Kirche in der Ukraine drei eigene Zentren.
- Das Kinderdorf Jablunitsa wird weiterhin ausgebaut und verbessert; im Sommer halten sich dort jeden Monat 130 Kinder, im Winter 60 Kinder auf.
- Das Wohlfahrtszentrum Olexandriwka bei Shytomir. Im Sommer erholen sich dort jeden Monat 120 Kinder.
- Das Zentrum in der Ortschaft Zaritschany bei Shytomir. Im Sommer werden dort jeden Monat an die 130 Kinder empfangen.
Auch im Priesterseminar in Worzel bei Kiew ist ein Haus eröffnet worden, wo im Laufe des Jahres jeden Monat ca. 20 Kinder rehabilitiert werden. Alle Kinder, die sich in unseren Zentren aufhalten, sind Kinder aus den infolge des Tschernobyl-Unglücks verseuchten Regionen. Hinzu kommen Waisenkinder, Kinder aus sozial schwachen und kinderreichen Familien. Alle Gäste werden unabhängig ihrer Herkunft, Nationalität oder konfessionellen Zugehörigkeit aufgenommen. Allein im Jahre 2000 wurden von unseren Rehabilitierungszentren über 2600 Kinder erfasst, im Jahr 2001 waren es ähnlich viele.
Dank unserer Förderer in Deutschland konnten wir die Erholung und Rehabilitierung der Kinder auf einem sehr hohen Niveau organisieren. Hierzu gehörte u. a. die Ausstattung der Zentren mit modernen Küchen und Heizungssystemen.
Nach mehrjähriger Erfahrung sind wir überzeugt, dass die Kindergesundungsprogramme in den ökologisch sauberen Gebieten von erstrangiger Bedeutung sind. Das Wissen um die Probleme der Kinder hilft uns, spezielle Programme der kulturellen und religiösen Erziehung, der richtigen Ernährung, der Vitaminisierung sowie der körperlichen Kräftigung zu planen und umzusetzen. Diese Projekte ermöglichen uns, "zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen": Auf einer Seite stärken wir die Gesundheit der Kinder, auf der anderen Seite schaffen wir Arbeit. In unseren Zentren sind kontinuierlich Bauarbeiter, Tischler, Verwaltungsmitarbeiter etc. tätig. Alle diese Menschen beziehen ein regelmäßiges Einkommen.
n der Sommersaison beschäftigen wir befristet Schullehrer, Erzieher und Köche. Auf Vollzeit-Basis sind in unseren Zentren insgesamt 25 Personen angestellt, im Sommer kommen zusätzlich noch 45 Personen im Nebenerwerb hinzu. Noch nicht erwähnt ist ein anderer wichtiger Aspekt, und zwar die Verantwortung für die Erziehung der Kinder, die im Heimatland erfolgen soll und nicht den Wohltätern im Ausland auferlegt werden darf. Kontakt zu den Kindern bedeutet auch Kontakt zu den Eltern und damit die Möglichkeit, auch ihnen zu helfen.
Caritas-Spes, Ukraine, Übersetzung: Peter Tivikov, Redaktion: Jürgen Sauer / Markus Lahrmann
Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 1/2003











