Leben unter dem Halbmond

Nur rund 100 000 Christen leben in der Türkei, das sind etwa 0,15 Prozent der Gesamtbevölkerung. Ihre Situation als Minderheit hat sich - Experten zufolge - in den letzten Jahren ständig verschärft.

Die von Atatürk eingeführte laizistische Verfassung der Türkei sieht die Trennung von Staat und Religion vor, gleichzeitig garantiert sie die Glaubensfreiheit des Einzelnen. In der Praxis aber existiert eine staatliche Glaubensbehörde mit 123 000 Mitarbeitern, die den sunnitischen Islam massiv fördert. Den christlichen Kirchen und anderen religiösen Gruppen stehen dagegen zur Entfaltung ihrer Aktivitäten nur begrenzte Freiräume zur Verfügung.

Helmut Wisemann, Geschäftsführer der Unterkommission "Interreligiöser Dialog der Deutschen Bischofskonferenz, und Landeskirchenrat Gerhard Duncker machten auf einer interessanten Tagung in der Akademie "Die Wolfsburg" deutlich, dass sich Kritik an der Religionspolitik der Türkei nicht gegen den Islam richte, sondern vielmehr für bessere Bedingungen in der Türkei selbst kämpfe. Dazu gehört die Erlaubnis, eigene Gotteshäuser zu bauen und zu nutzen, Schulen zur Ausbildung des eigenen theologischen Nachwuchses zu unterhalten und als Glaubensgemeinschaft auch rechtlich den vollen Schutz zu genießen.
Der Essener Weihbischof Franz Vorrath wies darauf hin, dass beim Thema Religionsfreiheit das Prinzip der Gegenseitigkeit gelten müsse. "Es geht darum, die Rechte muslimischer Minderheiten in Deutschland anzuerkennen und gleichzeitig engagiert für die Rechte christlicher Minderheiten in islamisch geprägten Ländern einzutreten und sie einzufordern", betonte Vorrath. Einig waren sich alle Teilnehmer der Tagung, dass die Religionsfreiheit ein Menschenrecht ist, das universal und nicht teilbar ist. Besonders im Hinblick auf den angestrebten EU-Beitritt müsse die Türkei die Lage der Christen substanziell und dauerhaft verbessern. Denn Menschenrechte und der Schutz von Minderheiten gehören zu den Beitrittskriterien, die nicht verhandelbar sind. Daran müssen sich allerdings auch deutsche Politiker, die aus ökonomischen und politischen Gründen der Türkei Avancen machen, erinnern lassen.

Markus Lahrmann

Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 1/2003