"Beginnen wir zu Handeln!"

Ein Plädoyer für eine engagierte, bürgerschaftliche Diskussion über den Weg unserer Gesellschaft in einer globalisierten Welt

Von Klaus Töpfer

Dezember 2002 in Nairobi - die Städte in Europa wurden für die Vorweihnachtszeit herausgeputzt, vor allem auch für die Konsumenten, die ihre Weihnachtseinkäufe besorgen sollten. In Nairobi dagegen: die blanke Armut.

Weihnachten ist schließlich ein besonderer Höhepunkt für die Kauffreude, ist besonders wichtig für die wirtschaftliche Stabilität, für den Einzelhandel ebenso wie für viele Unternehmen, die die entsprechenden Waren herstellen. Vieles wurde sicher wieder gekauft, das bereits am Tage nach dem Fest bestenfalls umgetauscht wurde, im schlechteren Falle schlicht unbenutzt vergessen wird. Wieder haben die christlichen Kirchen die Botschaft von der Ankunft des Herrn gepredigt, waren bemüht, im Advent Besinnung und Nachdenklichkeit zu vermitteln und intensiv darauf aufmerksam zu machen, dass der Wohlstand des Menschen auch und gerade entscheidend abhängig ist von seiner sozialen Einstellung in der Gesellschaft zu seinen Mitmenschen, zu seinem Nächsten, und eben nicht nur von dem was er hat, was er kaufen kann, was er schenken kann oder was er geschenkt bekommt.

Routine also, jährliches Wiederkehren eingeübter Verhaltensweisen - auch in diesem Jahr wieder - alle
Jahre wieder? Oder können wir uns endlich auch einmal aufraffen, etwas tiefer zu blicken, uns bewusst zu werden, dass sicherlich alle Menschen auf dieser einen Erde, diesem wundervollen blauen Planeten leben, aber dass dieser Planet scharf geteilt ist - geteilt zwischen der überwältigenden Mehrheit unendlich armer Menschen, Menschen die in unserer Nachbarschaft leben, aber auch vor allem Menschen die - nicht täglich für uns sichtbar - in den Slums und Elendsquartieren der Entwicklungsländer nicht wissen, wie sie am nächsten Tag ihr täglich Brot erhalten können, die nicht wissen, in welche Zukunft ihre Kinder hineinwachsen.

Eine Erde - zwei Planeten? Sicherlich: immer wieder bringt uns das Fernsehen dieses Elend breiter Bevölkerungsschichten in unsere warmen Wohnzimmer. Wir wissen von dem Hunger der über 800 Millionen Menschen auf unserem Planeten, wir haben etwas davon gehört, dass mehr als 1,5 Milliarden mit weniger als einem Dollar, also weniger als einem Euro pro Tag leben müssen. Manchmal wird uns bewusst gemacht, dass täglich etwa 6 000 Menschen, vornehmlich Kinder, allein deswegen sterben, weil sie keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Die Beispiele könnten fortgesetzt werden. Ihnen allen ist häufig gemeinsam, dass wir wirklich auf die Rolle des Zuschauers begrenzt sind und bleiben, dass wir uns nicht fragen, warum nicht mehr gehandelt werden kann - natürlich von Regierungen in ihrem Kampf gegen Misswirtschaft und Korruption, natürlich von der Wirtschaft, die mehr in diese Länder hinein arbeitsplatzschaffende Investitionen bringen müsste, natürlich durch den Abbau von Subventionen etwa in der Landwirtschaft oder in der Fischerei, die den Bauern in den Entwicklungsländern massiv schaden. Aber auch diese Erwartung an das Handeln anderer ist nur eine besondere Art des Zuschauens. Ein Weg, sich der bedrängenden Frage an sich selbst zu entziehen, warum man nicht in seinem alltäglichen Leben die gegebenen Chancen zum Handeln nutzt.

Wir müssen mehr tun
Dabei weiß ich natürlich, wie viel von Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland ganz unmittelbar Hilfe geleistet wird. Die sozialen Werke der Kirchen sind ein deutlicher Beweis für diese adventliche Besinnung vieler Menschen. Viele fühlen sich ganz persönlich gefordert, und dafür ist ihnen von Herzen zu danken. Aber ich bin sehr davon überzeugt, dass wir mehr tun können, dass wir mehr tun müssen. Wir brauchen eine intensive Erörterung dieser Frage in unserer Gesellschaft, in unseren Familien, in Vereinen, in der Nachbarschaft. Es muss klar sein, dass dies eben nicht Almosen sind, sondern ganz wichtige Investitionen in unsere eigene Zukunft, in den vorsorgenden Abbau von Konflikten, die Entschärfung von Kriegsgründen: präventive Friedenspolitik eben. Wenn die Kluft zwischen Arm und Reich wie in der Vergangenheit weiter anwächst, wenn die Belastung, ja zum Teil Zerstörung unserer Umwelt als Preis für unseren Reichtum und Wohlstand weiter zunimmt, dann gefährden wir auch den Frieden bei uns und für uns. Vorsorgende Friedenspolitik ist verbunden mit Umweltzusammenarbeit und sozialer Verpflichtung, mit Solidarität. Wo gravierende Verwerfungen bestehen, so beweist uns die Geologie, wird es oft zu abrupten Entladungen, wird es zu Erdbeben kommen mit unkontrollierbaren Konsequenzen für Mensch und Natur. Und so werden auch Verwerfungen im sozialen Gefüge der Gesellschaft in einer globalisierten Welt sich entladen, wenn wir nicht frühzeitig diese Spannungen vermindern.

Der Klimawechsel trifft die Ärmsten
Handeln also ist gefragt, nicht Deklamieren, nicht Theoretisieren. Die neue Welthandelsrunde der WTO gibt Politikern eine große Chance, die Globalisierung auch und gerade für die Ärmsten dieser Welt sinnvoll und vorteilhaft zu machen. Man hat diese neue Verhandlungsrunde sehr herausfordernd und anspruchsvoll als "die Entwicklungsrunde" bezeichnet. Es muss jetzt der Beweis erbracht werden, dass die Öffnung von Märkten nicht dazu führt, ja dazu missbraucht wird, die Kluft zwischen Arm und Reich noch größer werden zu lassen. Gleichzeitig: wir müssen bei uns, in den entwickelten Ländern, den Kampf gegen die Klimaveränderungen gewinnen. Die Belastung der Erdatmosphäre mit klimaschädlichen Gasen stammt vornehmlich aus den Konsumgewohnheiten der reichen Menschen auf diesem Globus, kommt somit insbesondere aus den sogenannten entwickelten Ländern. Die negativen Auswirkungen, die der Klimawandel bereits jetzt hat, treffen aber in besonderer Weise die Ärmsten der Armen in den Entwicklungsländern, diejenigen also, die keineswegs die Verursacher sind und die am wenigsten dagegen handeln können, die aber auch die geringsten materiellen Voraussetzungen dafür haben, sich diesen Veränderungen anzupassen. Sind wir uns wirklich der ethischen Dimension dieser Tatsache bewusst, dass die armen Menschen in den Entwicklungsländern einen Teil der Kosten unseres Wohlstandes zu tragen haben? Wir müssen der Technik Beine machen, damit sie die umweltverträglichen Entwicklungen gezielt vorantreibt, die diesem Export von Umweltkosten ein Ende bereiten. In die Preise, die wir für die Güter und Dienstleistungen unseres Lebensstandards zahlen, müssen wir alle Kosten nach und nach einbinden; die sozialen Kosten natürlich, aber auch die Umweltkosten. Die soziale Marktwirtschaft Ludwig Erhards muss zu einer ökologischen und sozialen Marktwirtschaft weiterentwickelt werden. Das gefährdet nicht den Wohlstand, sondern verändert Technik und Verhalten. Wir müssen uns bewusst werden, dass die großartige Vielfalt in der Schöpfung Gottes mehr und mehr ausschließlich in den Entwicklungsländern bewahrt wird - und damit auch die genetische Vielfalt, die so viele Geheimnisse zur Lösung von Problemen unserer Gesellschaft enthält und deren Weisheit wir für die Zukunft dieses Planeten dringlich benötigen. Aber wir können eben nicht erwarten, dass wiederum die Ärmsten der Armen diese Vielfalt zum Nulltarif erhalten. Sehr zu Recht erwarten unsere Landwirte eine Entschädigung, wenn sie Nutzungseinschränkungen zu Gunsten von Natur- und Artenschutz vornehmen. Dies muss dann ebenfalls auf die globale Dimension übertragen werden.

Vieles also gibt es für uns als konkretes Angebot zum Handeln. In unserem Alltag, in unseren Ferien in fernen Ländern, mit der geforderten Rücksicht auf die dortigen kulturellen und spirituellen Werte, aber auch auf die Natur. Beginnen wir deswegen dieses Jahr nicht mit großen Vorsätzen, die, wie der Volksmund weiß, stets immer das Pflaster zum Scheitern, ja zur Hölle darstellen. Beginnen wir es schlicht mit dem Handeln im Kleinen, beginnen wir es mit der engagierten, bürgerschaftlichen Diskussion über den Weg unserer Gesellschaft in einer globalisierten Welt.


Prof. Dr. Klaus Töpfer (64) lebt, wenn er denn mal privat in Deutschland ist, im ostwestfälischen Höxter.
Er ist seit 1998 Exekutiv-Direktor des UN-Umweltprogramms (UNEP) mit Sitz in Nairobi und General-Direktor des UN-Büros in Nairobi (UNON). Meist reist Töpfer durch die Welt wie sonst kaum ein Mensch, denn er ist in seiner Arbeit für das UNO-Umweltprogramm maßgeblich von den freiwilligen Zuschüssen der 58 Mitgliedsländer und 77 Beitragszahler abhängig.

Töpfer hat die UNEP modernisiert und den Sinkflug der Zuschüsse aufgehalten. Die UNEP Berichte über den Zustand der Umwelt gelten als einzigartiges Expertenkompendium. Und es ist eine globale Zusammenarbeit: Tausende von Wissenschaftlern liefern UNEP Daten und Analysen zu.

Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 1/2003