Zentralsterilisation und Cari-Butz
Werkstätten für Behinderte müssen ständig neue Aufträge finden, um Arbeitsplätze zu erhalten
Von Markus Lahrmann
Holzpferdchen und Bürsten, Kamilleseife und Hornkamm - das war einmal. Vorbei sind die Zeiten, als in Behindertenwerkstätten einfache Gebrauchsgegenstände und simple Schmuckstücke hergestellt wurden. "Wir erleben den gleichen Trend wie die normale Industrie", sagt Reinhard Gawlak, Geschäftsführer des Caritas-Behindertenwerks in Eschweiler. Man bekommt nur noch hochwertige Aufträge, zunehmend sind flexible und komplizierte Abwicklungen gefordert.
In den sechs Werkstätten in Eschweiler und Umgebung arbeiten 822 behinderte und rund 250 nichtbehinderte
Mitarbeiter in 18 verschiedenen Produktionsbereichen. Arbeit ist auch für behinderte Menschen ein wichtiger Teil ihres Lebens. Sie stärkt die Menschen in ihrem Selbstvertrauen und erhöht so ihre Lebensqualität. "Das ist meines Erachtens eine wichtige Aufgabe der Kirche", sagt Gawlak.

Höchste Aufmerksamkeit und Konzentration erfordert die Arbeit im Klinikbereich des Caritas-Behindertenwerks Eschweiler.
Foto: Pohl
Das Caritas-Behindertenwerk Eschweiler beliefert vor-wiegend Kunden aus der Industrie. Einige Beispiele: Für Sekurit Saint-Gobain konfektionieren die Mitarbeiter Steck-Kontakte für Auto-Scheiben - rund zwölf Millionen Stück im Jahr. Die Firma Hydro Aluminium hat Rahmenteile für die neue Fassade des französischen Finanzministeriums in Auftrag gegeben. Für eine belgische Firma bauen die Behinderten schon lange Gestelle für Fotovoltaik-Anlagen.
Die Werkstätten arbeiten für die Stolberger Metallwerke, für Vygon und für Hoesch. Früher hatte man bei neuen Aufträgen Produktionsplanungszeiten von vielleicht drei Monaten, heute läuft das innerhalb von 14 Tagen nach dem Erstkontakt. "Sie können nicht mit den großen Jungs spielen, wenn sie deren Regeln nicht einhalten", sagt Gawlak.
Für Unicef werden Grußkarten in einem "Rundum-sorglos-Auftrag" konfektioniert und verpackt. Das bedeutet, dass die Mitarbeiter von der Materialannahme über Wareneingangskontrolle, Auftragsplanung, Logistik, Abwicklung, Controlling und Statistik alle Teilarbeiten des Auftrags übernehmen. Dabei kommen auch moderne Maschinen zum Einsatz. Die Falzmaschine kann beispielsweise täglich 60000 Grußkarten falzen.
Die Behinderten entwerten und recyclen CDs für die Unterhaltungsindustrie. Sie packen Verbandskästen für ein mittelständisches Unternehmen aus der Region (das gerade von einer südamerikanischen Investorengruppe an eine israelitische Investorengruppe verkauft worden ist). Das Behindertenwerk ist in der Herstellung von Holz-Transportkisten, Gestellen und Paletten, oft auch für Exportgüter tätig. Es gibt eine Wäscherei, Grünflächenpflege, Holzverarbeitung, Montage und Verpackung, Arbeiten im Bereich Klinikzubehör, Druckerei, Metallverarbeitung. "Wir verarbeiten Papier, Holz, Kunststoff bis hin zu Elektronikartikeln", sagt Geschäftsführer Gawlak.
Globalisierung fördert die Konkurrenz
Aber die Globalisierung macht auch bei den Werkstätten für Behinderte nicht Halt. Einfache Montage- und Sortierarbeiten fallen weg. Die ganze Nadelindustrie ist nach Schanghai oder China ausgewandert. Konjunkturelle Schwankungen belasten die Metallverarbeitung, strukturelle Schwankungen betreffen das Recycling von CDs, die EU-Osterweiterung hat zu massiven Auftragseinbußen in einigen Bereichen geführt. "Wir sind ständig auf der Suche nach Arbeiten, die hier bleiben müssen", sagt Gawlak. Seit einem drei viertel Jahr ist im Werk Eschweiler die Zentralsterilisation für das ortsansässige Krankenhaus in Betrieb. Gebrauchtes OP-Besteck wird hier steril gereinigt und für die erneute Verwendung aufbereitet. Das ließe sich ausbauen: Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte aus der gesamten Region im Umland von Aachen sind mögliche Kunden.
In der Werkstatt für psychisch behinderte Menschen in Eschweiler-Röhe wird für die Industrie genäht. Auch hier gilt: Man muss immer neue Nischen finden. Die Mitarbeiterinnen entwerfen und nähen inzwischen Mo-de für Rollstuhlfahrerinnen. In der Schnittgestaltung wird die sitzende Position berücksichtigt. Die Hose rutscht nicht mehr herunter, und vorn faltet sich keine unnötige Stoffmenge. Taschen sind bequem, Stretchstoffe und dehnbare Hosenbunde erhöhen den Tragekomfort. "Cari-Butz" wirbt mit der Verbindung von Funktionalität und modischem Look.
Auch Garten- und Landschaftspflege ist im Angebot. "Sie können sich zwar polnische Arbeiter hierhin holen, aber sie können die Grünflächen nicht nach Polen schicken", sagt Gawlak. Solche Aufträge sind also sicher - wenn denn Qualität und Preis stimmen. Das Werk muss sich dabei auch bei öffentlichen Ausschreibungen in der Konkurrenz zu privaten Anbietern behaupten. Dabei, sagt Gawlak - und man glaubt es heute ja fast nicht mehr -, setzten sich die Qualität der Leistung, Flexibilität und Kontinuität der Arbeit durch. "Gerade im Grünflächenbereich sind wir bestimmt nicht die Billigsten, aber die Besseren", sagt Gawlak. "Wenn es sein muss, schicken wir ad hoc 40 Leute, die einen Tag vor einer Betriebseröffnung die Außenanlagen auffrischen und herrichten."
Die Bilanzsumme des Caritas-Behindertenwerks liegt bei etwa 30 Millionen, der jährliche Umsatz liegt bei 24 Millionen Euro. Etwa 40 Prozent der Erträge kommen aus staatlichen Zuschüssen (die auch seit Jahren nicht mehr steigen). Der Rest muss erwirtschaftet werden. Anfallende Gewinne müssen komplett reinvestiert werden. So baut das Werk derzeit eine neue Werkstatt für Menschen mit psychischen Behinderungen. "Weil dieser Bereich immens wächst", sagt Gawlak. Im Industriebeirat des Werks, in dem auch Koryphäen der Produktionsplanung von der RWTH Aachen sitzen, werden schon Pläne geschmiedet, wie das Werk an neue Aufträge kommt.
| Eine Werkstatt für behinderte Menschen ist definiert als eine Einrichtung zur Teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben und zur Eingliederung in das Arbietsleben (§ 136 SGB IX). Sie bietet behinderten Menschen, die wegen Art oder Schwere der Behinderung nicht, noch nicht oder noch nicht wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig sein können, einen Arbeitsplatz oder Gelegenheit zur Ausübung einer geeigneten Tätigkeit. Auf die Art oder die ursache der Behinderung kommt es nicht an. |
Aus Caritas in NRW, Ausgabe 2/06







