Selbstständig wohnen

Für Menschen mit Behinderungen nehmen die Formen und Möglichkeiten zu, ihr Leben eigenverantwortlich zu führen

Von Harald Westbeld

Menschen mit Behinderungen sollen so selbstständig wie möglich leben. Vorbei sind die Zeiten

Lernen für den Führerschein. Susanne Mester betreut Joachim Engels.
großer Behindertenheime mit Rundumversorgung und engen Regeln. Selbstbestimmung, Freiheit und Kostenreduzierung sind heute Leitlinien der staatlichen Sorge. Unter den richtigen Bedingungen fördert auch Ambulant Betreutes Wohnen die Individualität behinderter Menschen.

Für Joachim Engels ist die Freiheit, sein Leben selbst bestimmen zu können, ein hohes Gut. Er kennt den Zwang. Aufgewachsen in einem nach den strengen Erziehungsidealen der 50er Jahre geführten Bottroper Heim, hat er früh gelernt, dass er seinen Weg selbst finden muss. In 40 Jahren ist er mal hier und mal da abgebogen, manchmal auch wieder ein Stück zurückgegangen.

Aber eins war für ihn immer klar: "Ich lass mir nichts mehr gefallen." Spürbar ist, dass er sich sicher ist, jetzt auf der Zielgeraden eingebogen zu sein. Abends schmiedet er auf der Couch mit seiner Verlobten Elke Messing Umzugspläne. In wenigen Wochen wollen die beiden zusammenziehen und, wenn das Geld reicht, noch in diesem Jahr heiraten.

Joachim und Elke sind behindert, aber sie können selbst wählen, wie sie wohnen wollen. Elke wäre auch mit etwas weniger zufrieden als ihr Verlobter. Sie werden selbstständig wohnen, ihren Haushalt führen und ihr Geld verdienen. Bindeglied zu Haus Hall in Gescher, in der sie früher in Wohngruppen gelebt haben, ist Susanne Mester. Sie arbeitet im Ambulant Betreuten Wohnen, kurz ABW, das seit wenigen Jahren verstärkt die Individualität behinderter Menschen anerkennt.

"Früher gab es für Menschen mit geistiger Behinderung wenig Alternativen zum Leben im Heim ", sagt Ria Große-Ahlert, die das Betreute Wohnen in der größten Behinderteneinrichtung der Caritas in der Diözese Münster leitet. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Heute sind die Wohnformen so individuell wie die Lebensentwürfe aller Menschen - egal, ob behindert oder nicht: Einzelwohnen, Männer-WG, Ehegemeinschaft
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Grundbedingungen müssen erfüllt sein
Joachim Engels hat davon schon einige ausprobiert. Er hat in einer Außenwohngruppe von Haus Hall gewohnt,
allein im benachbarten Stadtlohn bei der Tante einer Freundin, ist zurück nach Gescher gezogen und schließlich vor zwei Jahren in die Stadtmitte von Coesfeld, um nah bei Elke zu sein. Die hat die Wohnung unter ihm gemietet, "aber meistens bin ich sowieso bei Joachim oben", erzählt sie. Der Gedanke an eine gemeinsame Wohnung lag da nahe. Trotz des sorgfältig auf der Couch-Lehne hinter ihr ausgebreiteten Bayernschals. Sie ist Schalke-Fan, glücklicherweise jedoch "nicht so fanatisch", so dass da keine Konflikte drohen.

Ambulante Betreuung ist ein Glücksfall, weil es eine Alternative zum Heim sein kann,. Susanne Mester hat 3,5 Stunden in der Woche Zeit für Elke Messing (li.)

Ganz allein und ohne Betreuung zu wohnen hat Joachim "eigentlich ganz gut gefallen". Aber es fehlte ihm doch, niemanden ansprechen zu können, "der sagen kann, was in den Briefen steht". Schreiben und Lesen fällt ihm schwer, mit den Händen arbeiten ist seine Welt. In einer Firma in Ahaus baut er Ladesicherungssysteme für Lkw. Vorher hat er 15 Jahre im Treppenbau gearbeitet und war ein wertvoller Mitarbeiter der Stadtlohner Firma, weil er als einziger "kopffest" war, wie er sagt. Schwindelfrei auf dem Gerüst. Um ihm beim Lesen zu helfen, kommt Susanne Mester in der Regel dienstags vorbei. Sie bespricht mit ihm die Post und erledigt Amtliches. 2,8 Betreuungsstunden stehen pro Woche zur Verfügung, bei Elke sind es 3,5.

Wie die Wohnform richtet sich auch die Betreuung nach Wunsch und Bedarf. 28 Bewohner der Stiftung Haus Hall sind in den letzten Jahren in das Ambulant Betreute Wohnen gewechselt bei insgesamt rund 600 Wohnheimplätzen, alle nach sorgfältiger Vorbereitung. Dazu kamen 17 weitere Personen, die bislang in ihren Familien oder allein gelebt hatten. Neben dem Willen müssen nach der Erfahrung von Ria Große-Ahlert noch einige Grundbedingungen erfüllt sein: "Zum Beispiel das Einhalten von Absprachen, Grundkenntnisse im Kochen und die Fähigkeit, den Haushalt weitgehend selbstständig zu führen." Die Mitarbeiter in den Gruppen schauen genau, wer für das ABW in Frage kommen könnte und sich dafür interessiert. "Die Kunst besteht dann darin, den Bewohner selbst zu befragen", dabei als Mitarbeiterin zurückzustehen und "nicht über den Menschen zu entscheiden".
Letztlich ist es immer ein Balanceakt, und manchmal muss in den Hilfeplangesprächen festgestellt werden, dass es noch nicht geht. Oder es wird eine Probezeit bis zu einem halben Jahr vereinbart. Oder die Zahl der Betreuungsstunden erhöht. Immer sollte der Weg zurück offen stehen. Manche wollen es aber auch dann nicht, wenn sie an die Grenze der Überforderung geraten und auch ihre Betreuer an ihre Grenzen gelangen. Es hat auch schon Kündigungen gegeben, weil es gar nicht mehr ging.

Gruppenangebote gegen Einsamkeit
Bei allen Wirrungen, die die Lebensgeschichten von Elke Messing und Joachim Engels genommen haben, ist die Situation dort entspannt. Für sie ist das Ambulant Betreute Wohnen ein Glücksfall, findet auch Susanne Mester, die Elke in ihrer früheren Arbeitsstelle kennen gelernt hat. Ein purer Zufall: Früher hat Mester in Haus Hall gearbeitet, aber nach der Elternzeit in der Druckerei, in der auch Elke angestellt war. Sie wurde ihre erste "Klientin" im Betreuten Wohnen, um zwei weitere kümmert sie sich in Coesfeld.

Elke arbeitet heute an der Pforte in den Werkstätten der Marienburg in Coesfeld. Ein anspruchsvoller Job mit vielen Kontakten zu Anrufern und Besuchern, aber doch nicht so stressig wie in der Druckerei. Joachim kennt sie schon lange. In Haus Hall haben sie sich getroffen, Elke arbeitete in der Näherei, Joachim in der Schlosserei. Gefunkt hatte es bei Joachim sofort, nur Elke hatte noch einen anderen Freund. Als diese Freundschaft zerbrach, hat es mit Geduld im zweiten Anlauf geklappt, erzählt Joachim.

Dass die beiden zusammengefunden haben, freut Ria Große-Ahlert. Auch wenn es einige wenige Bewohner gibt, die nach ihrem Auszug aus der Gruppe das Alleinsein genießen, so ist Einsamkeit ein drohendes Problem beim Ambulant Betreuten Wohnen. Es gibt deshalb einen ganzen Katalog von Gruppenangeboten von Ausflügen über Stammtische bis zu sportlichen Aktivitäten. Fast alle nehmen daran teil. Manche entscheiden sich von vornherein bewusst gegen die Einsamkeit, indem sie gemeinsam eine Wohnung suchen. So entstand die "3-Männer-WG".

Beim Kostenträger, dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe, sind nicht zuletzt die geringeren Tagessätze eine starke Motivation, verstärkt auf einen Ausbau des ABW zu drängen. Ria Große-Ahlert sieht vor allem die Chancen für die behinderten Menschen, für die diese selbstständige Lebensform mit geringer Unterstützung das richtige Maß an Freiheit bietet. Solange man genau hinschaut, für wen und wie. Bald vier Jahre Erfahrung zeigen dies.
Dann führt ein gewundener Lebensweg zumindest zu einem Zwischenziel, das Joachim fest im Blick hat: die neue Wohnung, die Heirat mit Elke und, wenn dann wieder etwas Geld gespart ist, ein Urlaub wie die zwei Wochen am Bodensee im letzten Jahr.

 


 

Rahmenbedingungen

Der Landschaftsverband schnürt ein enges Korsett

Ria Große-Ahlert ist sich noch nicht ganz sicher, ob sie vom Regen in die Traufe geraten ist. Früher hat sie mit den Kreisverwaltungen in Coesfeld und Borken intensiv verhandeln müssen, um die notwendigen Stunden für die Nachbetreuung der Bewohner bewilligt zu bekommen. 2004 ist der Landschaftsverband Westfalen-Lippe in die Verträge eingestiegen und hat das Ambulant Betreute Wohnen übernommen. Mit den Sachbearbeitern der Behörde ist die Zusammenarbeit gut. Kann die Betreuung reduziert werden, gibt Haus Hall Stunden zurück. Umgekehrt ist es jetzt nicht mehr schwierig, zusätzliche Fachleistungsstunden genehmigt zu bekommen, wenn der Bedarf plausibel aufgezeigt werden kann.

Andererseits "ist das Korsett politisch so eng geschnürt, das drückt den Mitarbeitern die Luft ab", sorgt sich Große-Ahlert. 48,30 Euro wird für die Fachleistungsstunde bezahlt. Gemeint sind damit die 60 Minuten, die der Mitarbeiter von Angesicht zu Angesicht - im Fachspeak heißt das offiziell "face to face" - mit dem zu betreuenden "Kunden" verbringt. Diese Vergütung beinhaltet aber auch das ganze Drumherum. Die Anfahrt zum Beispiel und vor allem die Bürokratie, die der Landschaftsverband allen Abbau-Diskussionen zum Trotz hier zu neuer
Blüte getrieben hat. In langen Listen muss im 10-Minuten-Takt aufgelistet und, vom Betreuten unterschrieben, dokumentiert werden, was geschehen ist. Und wenn er nicht schreiben kann, muss der rechtliche Betreuer gegenzeichnen. "Das war vorher einfacher", sagt Ria Große-Ahlert. Frage ist für sie auch, wie dies  in der Theorie geborenen Vorgaben in die Praxis umgesetzt werden können. Die Mitarbeiter setzt es jedenfalls unter starken Druck.

Eine Konsequenz ist, dass mit dieser Finanzierung nicht nur Fachkräfte wie Sozialarbeiter und Sozialpädagogen beschäftigt werden können, da müssen auch geringer bezahlte Hauswirtschaftskräfte ran. Der Einsatz von Vollzeitmitarbeitern ist kaum möglich, da die Betreuung nur am Wochenende und nach Arbeitsende der behinderten Menschen möglich ist. Gelingen kann das letztlich nur mit einem gut austarierten Personal-Mix, der auch 400-Euro-Kräfte einbezieht.

Das Ende ist dabei nicht erreicht. Mit dem starken Willen zur Kostenreduzierung im Behindertenbereich will der Landschaftsverband die Preise senken, Betreuungsstunden reduzieren und möglichst viele Heimbewohner in das Ambulant Betreute Wohnen drängen. Gedroht wird erneut mit einer Art Ausschreibung der Leistungen, jetzt "Interessensbekundungsverfahren" genannt, um den günstigsten Anbieter zu finden. Vorgegeben werden soll auch eine feste Quote für die Behinderteneinrichtungen, wie viel Bewohner prozentual ins ABW wechseln müssen. Das stellt das individuelle Auswählen und Vorbereiten in Frage, das Ria Große-Ahlert als entscheidend dafür ansieht,
dass Ambulant Betreutes Wohnen gelingen und ein Gewinn sein kann für den behinderten Menschen. Mit der neu gewonnenen Selbstständigkeit und höherer Lebensqualität begründet der Landschaftsverband offiziell sein starkes Interesse am Ambulant Betreuten Wohnen.

Ist aber tatsächlich Sparen der Beweggrund, werden Überforderung, Einsamkeit und Verwahrlosung die Folgen sein.

Harald Westbeld

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Artikel aus Caritas in NRW, Ausgabe 2/06