Alltagsgeschichten
„Ja, warum hört uns denn keiner?“
Eine nicht sehr sachliche Betrachtung zum Zustand der Wohlfahrtspflege
Manchmal denke ich, dass es gut ist, bald in den Vorruhestand zu gehen. Warum? Weil ich vieles nicht mehr verstehe bei dieser Caritas, bei der gesamten Wohlfahrtspflege und noch mehr bei diesem, unserem Staate. Das Gejammer eines alternden Mannes? Und was hat das mit dem Schwerpunktthema dieses Heftes zu tun?
Es geht um den Wandel, die Krise, die zurückgehende Wahrnehmung der Wohlfahrtspflege in Politik und Öffentlichkeit. Es geht um Grundpositionen und vor allem um die Zukunft. Dies kann gar nicht alles erschöpfend in einem Beitrag behandelt werden, geht mir aber nicht aus dem Kopf. Ohne Ergebnis.
Dies als Vorspann.
Es gibt Grundoptionen, die man nicht einfach aufgeben kann. Auf veränderte Bedingungen muss man jedoch reagieren.
Da lese ich kürzlich in meiner Regionalzeitung das Zitat eines bayrischen Bundestagsabgeordneten – sinngemäß: „Die heutigen Politiker haben kein Gespür mehr für Soziales, wissen gar nicht, was zum Beispiel in einer Hartz-IV-Familie passiert.“
Respekt, sagte ich mir, das ist ein kluger Satz. Selbsterkenntnis? Da wird einem so manches klar bei unsäglichen Diskussionen und auch Abstimmungen. In der gleichen Zeitung lese ich, dass der Fraktionsvorsitzende der FDP in Dinslaken sich auslässt über „Klientel-Politik“, was immer das ist. Er meint Bedürftige, „die mal die AWO, mal die Caritas, mal die katholische Kirche versorgt“, dies müsse ein Ende haben. Na, Glückwunsch, liebe Dinslakener Bürger, zu solchen Politikern!
Aber zu uns selbst, zur Caritas, zurück. Wo sind die engagierten Leitungskräfte und auch Ehrenamtlichen, die in der lokalen Politik oder auch Landespolitik mitmischen, ihren Sachverstand einbringen, klarmachen, was Subsidiarität ist, was Ehrenamt Entlastendes tut für die Gesellschaft?
Stattdessen wird zunehmend von „Sozialwirtschaft“ gesprochen und auch so gehandelt: als ein „Anbieter“ unter vielen, leider oft ohne das Selbstbewusstsein, das notwendig ist, um die Einmaligkeit eines katholischen sozialen Verbandes klarzumachen.
Wo war denn der Aufschrei von Hunderttausenden Mitarbeiter(inne)n, von offiziellen Vertretern der Caritas, als Milliarden Euro mal eben für die Rettung der „systemrelevanten“ Banken vom Staat bereitgestellt wurden! Fürs „Soziale“, das ja auch ein Wirtschaftsfaktor ist (siehe Sozialwirtschaft) und für das System „Demokratie“ auch relevant, gab es nichts, obwohl das auch gut angelegtes (geliehenes) Geld wäre, auf Zukunft betrachtet.
Und zurück zu den klugen Politikern, die sparen wollen „im Sozialen“, bei den Verbänden, die oftmals Aufgaben des Staates übernehmen und dies billiger machen können und oft besser als er ... Politiker, die also schlicht keinen Durchblick haben. Aber: Ihnen hilft auch keiner, diesen Durchblick zu bekommen, weil Caritas nicht präsent genug ist in Gremien oder Öffentlichkeit. Oder zu zaghaft und wohl abgewogen – nach allen Seiten abgesichert.
„Aus einem verzagten Arsch kommt kein vernünftiger Furz“, soll Martin Luther gesagt haben. Manchmal sollten wir uns eine Anleihe – kostenfrei – von unseren protestantischen Brüdern holen.
Und noch eines:
Ich habe den Eindruck, dass die Wirtschafts- und Finanzkrise bei vielen in der Caritas im Bewusstsein noch gar nicht angekommen ist. Bei genauerem Hinsehen allerdings bekommt man mit, dass aus einigen Beratungsstellen Hilferufe kommen: „Wir möchten helfen, aber wir haben kein Geld dafür“ – vorsichtig formuliert, anstatt dies laut zu rufen. Aber ich rufe laut – auch wenn es wohl wieder verpuffen wird: „Meldet euch, prangert an, zeigt, was in uns steckt, ruft für die, die nicht selbst rufen können!“
Rudi Löffelsend, Pressesprecher der Caritas im Ruhrbistum
Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 4/2009











