Augenmaß, Vielfalt, Ehrlichkeit

 

 

Zur Stellung der Wohlfahrtspflege in Deutschland nach der Wende

Von Hellmut Puschmann

Mit der Wende 1989 erhält Ostdeutschland das westdeutsche System der Freien Wohlfahrtspflege. Freizügigkeit, Gemeinnutz, Angebotsvielfalt und Subsidiarität gelten als Leitideen. Was ist davon geblieben im geeinten Deutschland?

Inzwischen ist fast vergessen, wie viel in den Wochen und Monaten der Wendejahre 1989/90 in der ehemaligen  DDR verändert werden musste, weil die zuvor geltenden Grundlagen für die Organisierung des Staates schlicht nicht mehr vorhanden waren. Bis dahin hatte sich der von der Partei gelenkte Staat für alles zuständig gefühlt und alle Bereiche zentral mittels Planwirtschaft gesteuert. Über dieses System der zentral gesteuerten Planung wurden Bedarf und Leistungserbringung, Preise und Subventionierungen geregelt. Auch alle sozialen Maßnahmen waren staatlich vorgegeben, organisiert, und man versuchte, sie in das Gesamtsystem der gesellschaftlichen Entwicklung einzubauen. Dabei gab es massive Defizite.

Die oft beschworene Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik wurde dann insofern makabre Realität, als die katastrophale wirtschaftliche Lage ähnlich katastrophale Zustände im Bereich des Sozialen zur Folge hatte. In diesem System gab es keine Freie Wohlfahrtspflege, also keine Verbände, die freie Initiativen entwickeln konnten. Staatliche Organe waren Träger der Dienste und Einrichtungen.  Die einzigen „Inseln“ waren Diakonie und Caritas, die den beiden großen Kirchen zugestanden wurden, da schon die sowjetische Besatzungsmacht deren Arbeit genehmigt hatte.  Das Deutsche Rote Kreuz war eine dem Staat zugeordnete Organisation. In analoger Weise galt dies auch für die Volkssolidarität, eine Organisation, die sich besonders um Hilfen für alte Menschen kümmerte.

Hinzu kommt, dass schon in der Nazizeit das bewährte System der Freien Wohlfahrtspflege verboten gewesen war, sodass nicht nur 40 Jahre kommunistischer Diktatur, sondern schon die zwölf Jahre davor dafür gesorgt hatten, Vorstellungen einer von Basisinitiativen ausgehenden, organisierten sozialen Tätigkeit und Verantwortung vergessen zu lassen.

Die Wende traf diesen Bereich an einem Tiefpunkt, weil infolge der Ausreisewelle überall Ärzte und Pflegekräfte fehlten. Vor allem bei Altenpflegeheimen und Einrichtungen für Behinderte bestanden schwerwiegende bauliche Mängel. Medizintechnik und Verbrauchsmaterial fehlten.

Als die ersten Beauftragten der Bundesregierung und der Länder zu uns, den Verantwortlichen für die Caritas, kamen und um Fakten, Daten und Prioritäten für die notwendigen Hilfen baten, zeigten sich die Folgen der ideologischen Ausrichtung und des staatlichen Zentralismus: Wir verfügten nicht über verlässliche Daten, denn viele Informationen waren nur den Funktionären zugänglich, deren Kooperationsbereitschaft in jener Zeit gering war. Dennoch wurde von den Verbandsgliederungen in der Bundesrepublik sowie von Regierung  und Ländern Unglaubliches geleistet, um schnell zu helfen.

Staatsmonopol war undemokratisch
Caritas und Diakonie hatten enge menschliche und fachliche Kontakte über die Grenzen hinweg. Dies befähigte uns, Nutzen und Chancen des Neuaufbaus einer Freien Wohlfahrtspflege zu erkennen. Und so waren wir gemeinsam  intensiv bemüht, im Osten zügig die neuen Strukturen zu schaffen: Sobald es in den neuen Bundesländern neue Vereinsgesetze gab, wurden Caritasverbände gegründet. Auch die in der früheren DDR bis dahin unbekannten Verbände wie AWO, Parität, Zentralwohlfahrtsstelle der Juden wurden neu aufgebaut. Wir wurden von den Behörden um Hilfe gebeten bei der Übernahme von Einrichtungen und bauten neue Dienste auf wie die Sozialstationen. Diese wurden schnell eine geschätzte Institution, um  pflegebedürftigen Menschen adäquat zu helfen.

Die Caritas hat großen Wert darauf gelegt, ihre Chancen zu nutzen, aber auch die Diasporasituation der katholischen Kirche zu beachten. Dies bedeutete Augenmaß, Verzicht auf Einseitigkeit und Mühen um Ehrlichkeit in der Anwendung der Grundprinzipien der Freien Wohlfahrtspflege wie Angebotsvielfalt. Ich persönlich habe die Einführung des Systems der Freien Wohlfahrtspflege, die auch im Einigungsvertrag gefordert ist, nie als ein „Überstülpen“ erlebt. Das bis dahin erlebte Monopol der Staatspartei SED war zutiefst undemokratisch und musste abgelöst werden. Das galt für alle Bereiche, auch für den des Sozialen.
Nicht gelungen ist eine ganz breite und bis heute notwendige Aktivierung der Menschen in Freiwilligendiensten. Sehr viele neue Initiativen sind entstanden, aber es zeigt sich, dass früher viele Menschen nur aktiv geworden waren, wenn sie dazu vom Staat oder von der Partei aufgefordert wurden. Dies wirkt nach. Allerdings war es nach der Wende für mich eine große Überraschung, wie weit auch in Westdeutschland  die Haltung verbreitet ist, dass der Staat für alles sorgen muss.

Ich halte es für einen großen Wert, dass das System der Freien Wohlfahrtspflege so schnell in den neuen Bundesländern etabliert wurde. Es nimmt in seiner Grundidee den einzelnen Menschen mit seinem Engagement ernst und ist nicht darauf orientiert, eine Gewinnoptimierung „nach außen“ zu erreichen, da Gewinne innerhalb der intendierten sozialen Ziele zu verwenden sind. Der freiwillige Dienst ist dabei eine entscheidende Grundlage, die eine unmittelbare Vernetzung der menschlichen Lebenssituationen bewirkt. Neue Nöte führten zu neuen Formen der Hilfe. Ein Beispiel ist die Entstehung der Hospize.

Politik forciert den Wettbewerb
Die Nähe zur Realität befähigt die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege bei einer richtigen Führung ihrer Mitglieder und Mitarbeiter, Nöte wahrzunehmen, Hilfe zu leisten und sich in der Gesellschaft anwaltlich für ausgegrenzte Menschen zu engagieren.

In den neunziger Jahren entstand eine neue Herausforderung an die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege durch die von der Politik gewollte rechtliche Aufwertung privater Anbieter. Vor allem das Pflegeversicherungsgesetz hatte dieses  Ziel. Es sollte bisherige Strukturen aufbrechen, Angebote vervielfachen und neue Aktivitäten auslösen. Viele Ziele wurden erreicht. Viele Leistungen werden inzwischen wirtschaftlicher organisiert als vorher. Unternehmerisches Handeln trat in den Vordergrund und wurde teilweise zu sehr zur Maxime der Entscheidungen. Es gelang jedoch nicht, das Spannungsfeld zwischen den unterschiedlichen Wertebenen ausreichend zu bearbeiten. Das Bild des Wettbewerbs wurde vom Bild der Konkurrenz verdrängt. Die dadurch gesteigerte Härte dient oft nicht dem Menschen, weder dem Klienten noch den Mitarbeitern. Auf der europäischen Ebene konnte durch die jahrelangen Bemühungen der Verbände erreicht werden, dass man sich dem Thema der Daseinsvorsorge mehr zuwandte und den besonderen Charakter dieser Aufgabe stärker erkannte. Dennoch sehe ich nach wie vor die Gefahr einer pauschalen Sicht, die den Menschen mehr oder weniger vor allem als Kostenfaktor sieht. Dies wird der Würde des Menschen nicht gerecht.

Vorrangig: Liebe zum leidenden Menschen
Politischer Druck, ökonomische Zwänge, Auswirkungen des wirtschaftsliberalen Zeitgeistes haben jedoch auch erhebliche Verwerfungen bewirkt. Bürokratische Vorschriften gängeln die Arbeit, verhindern Beweglichkeit. Förderbestimmungen können zu übergroßer Abhängigkeit führen. Der Wert, der durch die Begriffe von Angebotsvielfalt und Wahlfreiheit auch weltanschaulich gefüllt wird, geht verloren, wenn nur noch der Preis zählt. 

Kann die derzeitige Krise eine solche Nachdenklichkeit wecken, dass die Freie Wohlfahrtspflege ihre vorrangigen Werte wieder in der Liebe zum leidenden Menschen findet und nicht in der Zahlenmystik von Bilanzen oder Statistiken? 

Die Chance der Gegenwart liegt darin, nachdenklicher zu werden und zu erkennen, wie zerbrechlich vieles von dem ist, was sicher zu sein scheint. Die vielen Menschen, die den Sinn ihres Lebens in einer Tätigkeit in den Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege gefunden haben, haben viel davon begriffen. Das größte Kapital der Verbände der Freien Wohlfahrtspflege sind ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Mag dies etwas ideal klingen – ist nicht gerade das, was wir inmitten der Wirtschafts- und Finanzkrise erleben, dafür ein Motiv? Wohin kommen wir, wenn wir  Ideale, Visionen und geistige Ziele, also auch den Glauben, allenfalls noch als Dekoration für unser Leben verwenden?


Prälat Hellmut Puschmann wurde am 28. Juni 1964 in Bautzen zum Priester geweiht und ist nach Kaplansjahren in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) und Leipzig seit 1971 in der Caritas-Arbeit tätig. Er war unter anderem Caritasdirektor im Bistum Dresden-Meißen (1973 bis 1982) und Leiter der Zentralstelle Berlin (Ost) des Deutschen Caritasverbandes (1982 bis 1991).

Puschmann war von 1991 bis 2003 Präsident
des Deutschen Caritasverbandes.

Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 4/2009