Team „Willkommen“

Foto: Sauer 

 

Im Kreis Soest werden alle Familien und deren Neugeborene persönlich besucht


Neulich beschlich Angela Holbeck ein mulmiges Gefühl: Seit einem Jahr schon besucht die Mitarbeiterin des Sozialdienstes katholischer Frauen in Werl im Auftrag des Kreisjugendamtes Soest Haushalte mit Neugeborenen, aber in diesem besonderen Fall bekam sie das Baby einfach nicht zu Gesicht, kein vereinbarter Besuchstermin kam zustande.

„Immer hatte die Mutter andere Ausreden, mal war sie krank, mal musste sie gerade umziehen.“ Nächste Woche wird die gelernte Kinderkrankenschwester den fünften Versuch starten, die junge Mutter mit ihrem Kind aufzusuchen. Sicher ist sicher. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Claudia Murphy hat Angela Holbeck im ersten Jahr des Projektes „Willkommen“ über 190 Familien in Werl, Wickede und Ense besucht. Damit erreichten sie rund 90 Prozent aller Haushalte, in denen ein Neugeborenes gemeldet wurde. Die Besuche werden vorher schriftlich angekündigt. Die Adressen stellt das Kreisjugendamt zur Verfügung, das wiederum mit den Meldebehörden kooperiert. Die Besuche werden dokumentiert; auch solche Haushalte, die keinen Besuch wünschen, werden erfasst. Neben dem SkF Werl beteiligen sich der SkF Soest und die Diakonie Ruhr-Hellweg an dem Projekt des Kreisjugendamtes. Obwohl das Jugendamt der Motor ist – das Besuchsprojekt „Willkommen“ ist kein amtlicher Kontrolldienst. Das Konzept verbindet die persönliche Begrüßung mit frühzeitiger Beratung und Unterstützung. Und dies innerhalb der ersten zwölf Wochen nach der Geburt. „Wir kommen in der Regel erst dann, wenn die Nachsorge nach der Geburt durch die Hebamme beendet ist“,  sagt Claudia Murphy. Dann seien viele Mütter auf sich allein gestellt, realisierten aber auch erst ihre neue Rolle und die neue Verantwortung. „Gut, dass Sie jetzt erst kommen, vor einigen Wochen hätte ich Sie hier noch nicht gebrauchen können“, lautete beispielsweise die Rückmeldung einer jungen Mutter, die verdeutlicht, wie chaotisch die unmittelbare Zeit nach der Geburt oft aussehen kann.

Die meisten Gespräche  drehen sich um die Gesundheit des Babys, um klassische Themen wie Bauchweh, nächtliches Schreien oder anstehende Impfungen.  Dann sind Angela Holbeck als Kinderkrankenschwester und die erfahrene Hebamme Claudia Murphy in ihrem Element. Die Eltern lernen fachlich ausgebildete Ansprechpartnerinnen kennen, die man mit Fragen „löchern“ kann, wozu oft beim Kinderarzt keine Zeit ist. Das Team „Willkommen“ bringt Zeit zum Zuhören mit.  Neben „Expertentipps“ gibt es ausführliches Informationsmaterial. Im Mittelpunkt steht ein Ordner mit 46 Elternbriefen zur Entwicklung des Kindes. Demnächst erhalten alle Familien zusätzlich einen Beratungswegweiser zu allen weiterführenden Beratungsdiensten und Institutionen.

Persönliche Begrüßung und frühzeitige Beratung: Das Team „Willkommen“ des Sozialdienstes katholischer Frauen in Werl besteht aus Angela Holbeck (links) und Claudia Murphy.
Fotos: Sauer

Wichtig ist auch die Vermittlung weiterführender Kontakte. „Wir sprechen Mütter auf Stillcafés an, selbst wenn sie nicht stillen“, sagt Claudia Murphy. Immer wichtiger werden auch die Kontaktangebote der Familienzentren. Wenn es um den Wiedereinstieg in den Beruf geht, wissen die SkF-Mitarbeiterinnen, in welchem Rahmen Tagesmütter zur Verfügung stehen. Bei materiellen Problemen können sie auf unterstützende Dienste und Einrichtungen verweisen, etwa auf das Caritas-Kaufhaus in Werl.

Natürlich haben sich auch die beteiligten Kommunen Geschenke zur Begrüßung ihrer Neubürger ausgedacht, die das Team „Willkommen“ mit im Gepäck hat: etwa Gutscheine für kostenlosen Eintritt ins Freizeitbad, für Rauchmelder oder Bücherei-Abos. Das Kreisjugendamt steuert „mein allererstes Bilderbuch“ bei, und vom SkF gibt’s selbst gestrickte Babysöckchen. SkF-Ehrenamtliche machen Letzteres möglich.

Im Mittelpunkt steht jedoch die persönliche Begegnung.  Claudia Murphy ist erstaunt, wie sich einige Frauen in diesem Gespräch öffnen. „Obwohl ich als Fremde komme, erzählen mir die Mütter sehr persönliche Dinge.“ In der Regel ist zwar nur ein Besuch möglich, doch vereinbaren Angela Holbeck und Claudia Murphy in Einzelfällen auch weitere Kontakte. „Rufen Sie mich an“, heißt es dann, wenn es sich abzeichnet, dass Probleme fortbestehen. In einem besonderen Fall kam Claudia Murphy der Verdacht, dass die Mutter nach der Geburt am Rande einer Depression steht. Hier schrillten bei der Hebamme mit 23-jähriger Berufserfahrung die Alarmglocken. Sie machte einen Fragebogen-Test, der die Vermutung bestätigte. Die Frau begab sich in ärztliche Behandlung. Eine Mutter-Kind-Kur half ihr dann endgültig über den Berg.

Das Team „Willkommen“ ist mehr als der Überbringer eines Begrüßungspaketes. „Wir woll
en einen Eindruck gewinnen“, fasst Angela Holbeck diese Aufgabe zusammen, innerhalb eines einzigen Gespräches die Situation der Familien und des Neugeborenen einzuschätzen. Und dies flächendeckend in allen Kommunen ihres Bereiches. In diesem Punkt  lässt sie nicht locker. Auch wenn sie zum fünften Mal einen Besuchstermin vereinbaren muss.

Jürgen Sauer    

Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 3/2009